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Der Heros- und der Sophia-Aspekt des Asteroiden Ceres

Dieser Text erschien zuerst in der astrologischen Fachzeitschrift »Meridian« im Januar 2001; neben weiteren Beiträgen zu diesem Thema enthält diese Ausgabe auch einen Artikel Dieter Kochs, in dem er Ceres’ Aspekt des Mitfühlens, der Solidarität mit der leidenden Kreatur sowie ihre Beziehung zum Thema Ernährung herausarbeitet

In diesem Beitrag möchte ich auf zwei besondere Aspekte des Ceres-Archetyps hinweisen, die bislang nicht berücksichtigt wurden in der Astrologie: Heros, der ”Held” der Bewußtwerdung, und Sophia, die Göttin der Weisheit. Für die Darlegung weiterer Aspekte der ungemein facettenreichen Ceres ist hier leider nicht der Platz. Meine Beispiele beruhen alle auf dem ”IHL” [Internationales Horoskope-Lexikon]. Im abschließenden dritten Teil schlage ich eine integrale Betrachtung und Zeichenzuordnung für die vier erstentdeckten Asteroiden Ceres, Pallas, Juno und Vesta vor.

1. Ceres-Heros

Die erste Decodierung der Ceres – bzw. eines Aspektes der Ceres – als heroischer Archetyp” findet sich in den ”Entschlüsselten Aspektfiguren” von Hans-Jörg Walter aus dem Jahre 1981. Walter fand die Ceres prominent in den Horoskopen von Menschen, deren Lebensweg eine Figur kennzeichnet, die man ”heroische Anstrengung” nennen kann. Und dies auf ganz unterschiedlichen Gebieten: so im Sport, insbesondere im Extremsport, in der Auseinandersetzung mit der ungebändigten Natur – tatsächlich oder literarisch –, aber auch in der Politik.

So findet sich das Thema des heroischen Kämpfers inmitten ursprünglicher Natur etwa sehr deutlich bei dem Schöpfer des ”Tarzan” Edgar Rice Burroughs (Ceres Konj. Sonne); oder im Wagemut eines Thor Heyerdahl (Ceres Anderthalbquadrat Saturn-Pluto, Jupiter = Ceres/Uranus [d.h. Jupiter in der Halbsumme von Ceres und Uranus]): Heyerdahl überquerte den Pazifik in einem Floß, um gegen die vorherrschende Wissenschaftsmeinung eine nicht akzeptierte kulturgeschichtliche These zu beweisen – auch dies gewissermaßen ein heroisches” Unterfangen. Ebenso findet sich bei Polarforschern und Bergsteigern eine prägnante Ceres und läßt ahnen, aus welchen archetypischen Tiefen diese extremen Charaktere ihre Motive schöpfen: Beispielsweise Edmund Hillary Ceres Quadrat Mars-Pluto, oder Reinhold Messner Ceres Konj. Jupiter, Quadrat Uranus; oder Fridtjof Nansen, dessen Ceres ein großes Trigon mit Mond und Pluto konfiguriert – Nansen war außerdem Hochkommissar des Völkerbundes, was den politischen ”Heroismus” anklingen läßt.

Im Bereich der Politik zeigt sich die Figur des ”heroischen Ringens” etwa bei dem Bischof Oscar Romero (Ceres Trigon Jupiter, = Quadrat Mars/Pluto, Sonne = Pluto/Ceres), der sich unerschrocken für die Menschenrechte in San Salvador einsetzte, wofür er mit der Ermordung durch Todesschwadrone bezahlte; oder die Geschwister Scholl kämpften einen aussichtslosen Kampf gegen den Nazi-Ungeist (Hans Scholl: Ceres Quadrat Sonne; Sophie Scholl: Ceres = Sonne/Saturn). Die Kriegstreiber des Ersten Weltkriegs und die Nazis mißbrauchten den Archetyp des Heros in augenscheinlicher Weise, seither ist es schwierig geworden, den Begriff ”Heroismus” ohne Anführungsstriche zu verwenden.

Eine Heroine war auch Simone Weil, die sich nicht nur freiwillig in die gänzlich geistfeindliche Umgebung einer Fabrik der 30er Jahre begab und die qualvolle Akkordarbeit dort auf sich nahm, um Erkenntnis durch Teilhabe am Leiden der anderen zu gewinnen – sondern die sich auch im Londoner Exil 1943 zu Tode hungerte, wie sie selbst sagte ”aus Protest” gegen die Welt (die beiden ceresischen Motive Heroismus und Anorexie vermischten sich hier): Sehr willensbetont steht ihre Ceres in der Halbsumme von Mars und Uranus und in der quadratischen Halbsumme von Mars und Mond. – Eine ”Heroisierung der Männlichkeit” findet sich in Leben und Werk von Ernest Hemingway, und Humphrey Bogart wurde in ”Casablanca” zum Leinwand-Heros (beide Ceres Konj. Jupiter, Quadrat Sonne). Für die angeführten Horoskope gilt, was ich für jede astrologische Forschung nahelege: Man achte bei der Untersuchung von Asteroiden-Positionen stets auch auf Halbsummen, denn ich habe bei meinen Forschungen [1] festgestellt, daß die Asteroiden sehr ”gern” über markante Halbsummenpositionen wirken. Erfolgreicher kollektiver ”Heroismus” kann im übrigen überdeutliche astrologische Signaturen haben: So befand sich die Ceres im Moment der Öffnung der Berliner Mauer exakt am Aszendenten.

In der Mythologie ist der Heros eine allgegenwärtige Figur. Er ist dies, weil er eine allgemeine Bewegungsrichtung des menschlichen Bewußtseins anzeigt: vom Unbewußten zum Bewußten, gegen die Widerstände des Unbewußten. Hierbei sind diese Widerstände in den mythologischen Erzählungen stets nach außen projiziert: etwa in die Feinde des Herakles. Auch der als äußerlich geschilderte Kampf vor Troja findet eigentlich in einer (in jeder) menschlichen Seele statt. Ein psychologisches Verständnis von Mythologie weiß, daß es sich bei mythologischen Erzählungen um Beschreibungen innerer spiritueller Prozesse handelt. Nichtsdestotrotz können diese von Menschen nach außen projiziert werden – und werden es auch ständig. Der Polarforscher etwa projiziert die spirituelle ”Aufgabe”, uneroberte Regionen des menschlichen Unterbewußtseins für das Bewußtsein zu ”erobern”, auf die äußere Natur – in einem synchronistischen Verständnis kann beides zeitweilig ”dasselbe” bedeuten, denselben Sinn haben: der heroische Kampf gegen die chaotische Natur der Polarregionen ist analog zum Kampf gegen das chaotische Unbewußte.

Der politische Heros kämpft einen Stellvertreterkampf bzw. ringt als Pionier gegen das Unbewußte in der ihn umgebenden Gesellschaft. Jede autoritäre gesellschaftliche Ordnung basiert darauf, daß die Mitglieder der Gesellschaft sich nicht der vielfältigen Unterdrückungsstrukturen und -mechanismen bewußt sind und auch ihre gemeinsamen Interessen nicht erkennen. Verdrängung oder, um ein Wort Erich Fromms aufzugreifen, ”Angst vor der Freiheit” ist ein wesentliches Element einer solchen Situation. Der politische Heros nun ”durchstößt” mit seinem politischen Bewußtsein als erster die Nebel der vorherrschenden Ideologie und die Schatten der allgemeinen Angst und zeigt durch sein Leben und Handeln: Veränderung ist möglich. Meistens kostet ihn dies das Leben, so wie Bischof Romero oder die Geschwister Scholl. Doch es war nicht umsonst: Als geschichtliche Figur verbleibt seine Anstrengung, als Vorbild.

Wichtig ist, daß sich der Archetyp des Heros nicht nur mental realisieren kann: Ceres zwingt zur tatsächlichen Tat. Und sei es nur eine literarische Tat. Oder beides, wie bei Hemingway und B. Traven (Quadrat Mond-Neptun, Anderthalbquadrat Mars).

Die astrologische Verbundenheit des heroischen Archetyps mit der Muttergöttin Ceres verwundert nur auf den ersten Blick. Wie erwähnt, ist der Heros eine allgemeine mythologische Figur, und obwohl ich den (die Mythologie simplifizierenden) Göttin-und-Heros-Schematismus der Matriarchatsforscherin Göttner-Abendroth nicht teile, ist eine der vielen Facetten des mythologischen Heros doch die, daß er der Heros einer Göttin ist.

Ich glaube, daß diese heroische Ceres mit dem, in esoterisch-astrologischer Literatur gelegentlich erwähnten, angeblichen intramerkuriellen Planeten Vulkan identisch ist. So finden sich etwa bei Alice Bailey äußerst aufschlußreiche Ausführungen über die spirituellen Qualitäten dieses Planeten – dessen Nichtexistenz die Astronomen doch längst festgestellt haben. Bei dem hohen Niveau der Texte Baileys verwundert dies erst einmal: Es gibt nun mal keinen intramerkuriellen Vulkan, also auch keine Ephemeriden für diesen. Nun, wenn man, geleitet vom Stichwortverzeichnis ihres Buches ”Esoterische Astrologie”, Baileys Ausführungen zu Vulkan insgesamt liest, so kann man bald erkennen, daß hier niemand anderes gemeint sein kann als die Ceres in ihrem heroischen Aspekt – den man folglich auch den Vulkan-Aspekt der Ceres nennen kann. Also gibt es Ephemeriden für Vulkan – er ist mit einem physischen Planeten identifizierbar, der bereits seit 200 Jahren entdeckt ist!

Dem Typus des Naturheros und des politischen Heros, den Hans-Jörg Walter für die Ceres decodierte, läßt sich der Typus des spirituellen Heros hinzufügen. Jeder Mensch, der den spirituellen Weg ernsthaft geht, ist ein ”spiritueller Heros”, und dies ist im Grunde der höchste Typ des Heros: Er oder sie projiziert überhaupt nicht mehr nach außen, sondern ist entschlossen, sein/ihr eigenes Unbewußtes vollständig ans Licht zu holen und dem Geistigen oder Göttlichen zu überantworten; die verschiedenen Yoga-Disziplinen (Karma-Yoga, Raja-Yoga, Integraler Yoga usw.) kennzeichnen die möglichen Wege hierfür.

Bei dem Renaissance-Philosophen Giordano Bruno fand ich, in seiner Schrift ”Die heroischen Leidenschaften”, eine Stelle, die verdeutlicht, inwiefern die Arbeit des Schmiedegottes Vulkan tatsächlich mit der ”Arbeit” des spirituellen Adepten in Analogie gesetzt werden kann: ”Wenn also die Seele den Gedanken faßt, ihre wesenhafte Schönheit wieder zu erlangen, dann sucht sie sich zu reinigen, zu heilen und zu erneuern, und dazu wendet sie das Feuer an... Der von solcher Leidenschaft ergriffene Geist wird von tiefen Gedanken hin und her gerissen, von schweren Sorgen gehämmert, von glühenden Wünschen erhitzt... Dies sind die Blasebälge, Kolben, Ambosse, Hammer, Zangen und sonstigen Werkzeuge, die sich in der Werkstatt des schmutzigen Gatten der Venus finden.” In einem Gedicht mahnt Bruno den Schmiedegott, die Glut, die er für sein Werk brauche, nicht in den Schloten des Ätna zu suchen, sondern er werde viel stärkere Glut in den Herzen derer finden, die von der heroischen Leidenschaft angetrieben sind. – Erinnern wir uns daran, daß die Ceres auf der vom Vulkan Ätna beherrschten Insel Sizilien entdeckt wurde.

Bailey ordnet, wie Walter und wie auch ich, Ceres-Vulkan dem Stierzeichen zu – dem klassisch die Venus zugeordnet ist, die Gattin des Vulkan: ”Der esoterische Herrscher über Stier ist Vulkan, der Metallschmied, der in der am stärksten verdichteten Erscheinungsform der natürlichen Welt arbeitet... Er ist derjenige, der in die Tiefen steigt, um das Material zu finden, an dem er die ihm eingeborene Kunst zeigen kann... Ihr werdet euch erinnern, daß Herkules auf dem Fixen Kreuz sich seine eigenen Waffen herstellen mußte, ehe er im Kampf siegreich blieb. Das ist in Wirklichkeit ein Hinweis auf die Kunst Vulkans, der den inneren Menschen regiert und dessen Formbildung leitet.”

Für Sri Aurobindo war die heroische Anstrengung der Selbstläuterung der Kern jedes Yoga. Er selbst wurde mit einer exakten Mond-Ceres-Konjunktion geboren – der Mond steht in einem ganz allgemeinen Sinn für das Unbewußte, im Stier ist er erhöht: Das Unbewußte wird von Ceres-Vulkan ”erhöht”. Aurobindo hat, in seinen eigenen Worten, ”den Schlamm des Unterbewußten ausgebaggert, ausgebaggert, ausgebaggert”. – Den Abschluß dieses ersten Teils soll ein Auszug aus einem Gedicht Aurobindos bilden:

    ”Wer die Himmel herabbringen will
    Muß steigen hinab in den Stoff
    Tragen die Bürde der Erde
    Gehen den Weg reich an Schmerzen.”

2. Ceres-Sophia

Piazzi, der Entdecker der Ceres, war ein Theatinermönch; Patronin dieses Ordens war Maria, die Gottesmutter. In Piazzis Horoskop (*16.7.1746) steht die Ceres in exaktem Sextil zu Saturn, in exakter Opposition zu Uranus und im Trigon (2° Orbis) zu Jupiter. Am Tag ihrer Entdeckung stand die Ceres in exakter Opposition zu seinem Radixpluto (die mythologische ”Opposition” von Demeter-Ceres und Hades-Pluto mit all ihrer ungeheuren Bedeutungstiefe klingt hier an).

In Sizilien – in der Antike eine bedeutende Kolonie der Griechen – blühte der Kult um Demeter bis weit in die christliche Zeit hinein. Man hat Statuetten ausgegraben, die sie mit ihrer schlafenden kleinen Tocher Persephone auf dem Arm zeigen – und dieses Bild ist dem der Madonna mit dem Kind so ähnlich, daß z.B. auf dem Altar einer christlichen Kathedrale eine alte Statue von Demeter und ihrer Tochter stand. Im Katholizismus sind die Funktionen antiker Göttinnen einfach auf Maria übergegangen.

Als Sophia, Göttin der Weisheit, wurde Maria von manchen Theologen betrachtet und insbesondere von den Anhängern ketzerischer Lehren, Sekten und Geheimbünde verehrt. In dem Geheimbund Fedeli d’Amore des 13. Jahrhunderts etwa symbolisierte Maria die transzendente Weisheit, die der Adept durch die Liebe zu einer Frau erwecken könne. Von Christus ist ein apokryphes Wort überliefert, das Jean Gebser mitteilt: ”Eben hat mich meine Mutter, der heilige Geist, ergriffen und auf den Berg Tabor getragen.” Doch die Deutung des Heiligen Geistes als Sophia-Mutter galt der Kirche als Häresie und wurde mit Bücher- und Menschenverbrennung beantwortet. So sank die Göttin immer tiefer ins Unterbewußtsein: ”Irgendwo muß die Weiblichkeit wohl sein; darum ist sie vermutlich im Dunkeln zu finden.” (C.G. Jung)

Erich Neumann hat in ”Die Große Mutter” eine einfühlsame und eindrückliche Beschreibung der Weisheitsgöttin Sophia gegeben: ”Es ist im Unbewußten der gebärenden und nährenden, schützenden und wandelnden weiblichen Kraft der Tiefe eine Weisheit wirksam, die der Weisheit des Tagesbewußtseins unendlich überlegen ist und die, als Ursprung von Vision und Symbol, Ritual und Gesetz, Dichtung und Wahrheitsschau, erlösend und richtunggebend, gerufen und ungerufen, in das menschliche Leben eingreift. Diese weiblich-mütterliche Weisheit ist eine Weisheit liebender Bezogenheit, kein abstrakt ’interesseloses’ Wissen. So wie das Unbewußte reagiert und antwortet, so... ist die Sophia eine lebendig anwesende und nahe, eine liebende und immer gegenwärtige, eine dauernd anrufbare und eingreifbereite Gottheit, keine Gottheit, die in numinoser Ferne und weltentfremdeter Abgetrenntheit sich als dem Menschen unerreichbar erweist. Darum ist die Sophia als geistige Macht liebend und rettend, ihr strömendes Herz Weisheit und Nahrung zugleich.” – Und an anderer Stelle (”Über den Mond und das matriarchale Bewußtsein”): ”Diese Weisheit... ist auf das Lebendige bezogen in seiner unauflöslichen und paradoxen Einheit von Leben und Tod, von Natur und Geist, von Zeit- und Schicksalsordnung, von Wachstum, Sterben und Todesüberwindung. Dieser weiblichen Gestalt der Weisheit entspricht keine unbezogene abstrakte Gesetzesordnung, in der tote Weltkörper oder Atome im leeren Raum kreisen, sondern sie ist eine Weisheit, die mit der Erde, dem Wachstum des Organischen auf ihr und der Erfahrung der Ahnen in uns verbunden ist und verbunden bleibt.” – Diese Sophia stellt eine notwendige Ergänzung zur ratio dar, dem Wissen, und wo Weisheit geringgeschätzt wird und Wissen nur dem Egoismus dient, kann das gesellschaftliche Leben nicht gesund sein.

An dieser Stelle verbinden sich meine Ausführungen zum Weisheitsaspekt der Ceres mit Dieter Kochs Ausführungen über Ceres’ Aspekt des Mitfühlens, der Solidarität mit der leidenden Kreatur.

Neumann identifiziert nun die Weisheit mit dem Mond, während ich sie mit Ceres identifiziere, wie ich in den nachfolgenden astrologischen Beispielen aufzeigen werde. Bei Sri Aurobindo findet sich ebenfalls eine wunderschöne Beschreibung der Weisheitsgöttin, in seinem Büchlein ”Die Mutter”. Er nennt sie – entsprechend seinem kulturellen und spirituellen Kontext – Maheshwari: ”Ruhevoll ist sie und wunderbar, groß und gelassen in Ewigkeit. Nichts kann sie erschüttern, denn alle Weisheit ist in ihr; nichts ist ihr verborgen, was sie zu wissen wünscht; sie begreift alle Dinge, alle Wesen und deren Natur, und auch, was sie bewegt, die Gesetze der Welt und ihre Zeitalter, und auch, wie alles war, ist und sein wird. Sie besitzt eine Stärke, die allem gewachsen ist, die alles meistert; letztlich kann sich niemand gegen ihre weite und unbegreifbare Weisheit und ihre hoheitsvolle und ruhige Macht behaupten. Sie ist gleichmütig, geduldig und in ihrem Willen unbeeinflußbar; sie verfährt mit den Menschen ihrer Natur gemäß, mit den Dingen und Ereignissen gemäß der Kraft und Wahrheit, die in ihnen walten... Und doch hat sie mehr als irgendeine andere das Herz der All-Mutter, denn ihr Mitgefühl ist unbegrenzt und unerschöpflich... Und doch macht das Mitgefühl ihre Weisheit nicht blind und lenkt ihr Wirken nicht vom vorgeschriebenen Wege ab; denn die Wahrheit der Dinge ist ihr einziges Anliegen, Wissen ist ihr Machtzentrum, und ihr Auftrag und ihre Arbeit besteht darin, unsere Seelen und unsere Natur in der göttlichen Wahrheit zu verankern.”

Der Weisheitsaspekt der Ceres ist mit ihrem Herosaspekt derart verbunden, daß Weisheit erlangt zu haben als das Ergebnis oder die ”Belohnung” für heroisches Ringen um Bewußtwerdung des Unbewußten betrachtet werden kann. Während wir glauben, Wissen mit dem Kopf erobern, gar ”herstellen” zu müssen, suchen wir Weisheit zuerst in der Vergangenheit, denn wir ahnen, daß sie schon immer da ist. So ist bei allen Berufen und Passionen, die sich mit vergangenen Zeiten, alten Lehren oder dem geschichtlichen Wachstum beschäftigen, ein Ceres-Einfluß zu identifizieren – sofern die Person weisheitsorientiert und nicht bloß wissensorientiert ist. Eine prägnante Ceres fand ich u.a. bei dem Historiker und Philosophen Croce, bei Foucault, bei dem Paläontologen und Philosophen Dacque, bei Romain Rolland, der nicht nur politisch-heroischer Kämpfer gegen Krieg und Chauvinismus war, sondern auch Musik- und Kunsthistoriker (seine Ceres steht im Halbsummenfokus praktisch aller Planeten). Richard Wilhelm, Jean Gebser und Hermann Keyserling sind weitere Namen.

Hierbei stellte ich eine interessante (wenngleich nicht absolute) Regel fest: Ceres-Jupiter-Verbindungen weisen vorzugsweise auf Märchen hin. Märchen erzählen alte Weisheiten in volkstümlicher Form und schmücken sie phantasievoll aus. Auch der Mond – natürlich! – kann eingebunden sein. Ich erwähne die Gebrüder Grimm, Michael Ende, Tolkien (Ceres = Mond/Jupiter).

Ceres-Saturn-Verbindungen hingegen thematisieren eindeutig Mythologie. Bachofen, Eliade, Ranke-Graves, Campbell, Kerenyi, Walter F. Otto (*22.6.1874): Es finden sich unter dieser Planetenverbindung praktisch alle bekannten Namen von Religionshistorikern und Mythenforschern.

Ceres-Uranus-Verbindungen fand ich bei Personen, die mit Theosophie (auch Astrologie, Freimaurerei usw.) verbunden sind. Warum? Nun, die Theosophie beansprucht, eine Weisheitslehre jenseits, ”oberhalb” der Religionen und Mythen zu sein; während letztere noch mit der Formebene des Denkens verbunden sind, verbindet Uranus den Weisheitsaspekt der Ceres mit den sogenannten formfreien atmischen Ebenen.

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Abbildung aus ”Häretische Blätter” Nr. 4
in Anlehnung an das theosophische Ebenen-Diagramm Alice Baileys

Auch mit Magie ist Weisheit hier verknüpft. Jedenfalls haben alle folgenden Theosophen eine Ceres-Uranus-Konjunktion: Blavatsky, Bailey, Heindel, Alan Leo, Rudolf Steiner, Judge (einer der engsten Mitarbeiter Blavatskys). Ein Ceres-Uranus-Quadrat haben: der französische Esoteriker Allendy, die Theosophin Tingley, Oberst Olcott, Sepharial. – Ich verweise für alle meine Beispiele nochmals auf das ”IHL” und fordere den Leser auf, sie selbst nachzuprüfen.

Bei einer Ceres-Neptun-Verbindung scheint sich die Weisheit der Ceres zur Mystik zu erweitern, wie die Beispiele Khalil Gibran und Sri Aurobindo nahelegen; bei Aurobindo eine Mystik der göttlichen Mutter.

Ceres-Pluto-Verbindungen fand ich immerhin bei Albert Hofmann, dem Entdecker des LSD, und Timothy Leary. Eine Verbindung der Ceres mit Rausch leuchtet aus zwei Gründen ein: Einmal war bei den Eleusinischen Mysterien, dem antiken Kult der Demeter, nach neuesten Forschungen von Wasson/Hofmann/Ruck (”Der Weg nach Eleusis”) ein aus Mutterkorn gewonnenes Halluzinogen der Katalysator der mystischen Erfahrungen der Teilnehmer und wohl das eigentliche, sorgfältig gehütete Geheimnis der Priesterschaft; zum anderen steht die Ceres auch in assoziativer Verbindung mit Dionysos.

Nur erwähnen kann ich an dieser Stelle auch die Beziehung der Ceres zum Tanz, zur Thematik des Loslassens und zum Geburtsvorgang (bereits die weisen Frauen des Mittelalters kannten das Mutterkorn als Mittel gegen Wehenschwäche und Krampfwehen sowie als Abortivum). Beim Geburtsvorgang spielt sich übrigens eine Art ”Übergabe der Regentschaft” ab zwischen der Göttin des uterinen Lebens Juno und der Göttin des Gebärens, Loslassens Ceres. Was die negativen Aspekte der Ceres betrifft – besessene, berserkerhafte Raserei und ein zuweilen bis zum Satanismus übersteigerter Kult des Grausamen –, so hat Hans-Jörg Walter dies in seinen ”Entschlüsselten Aspektfiguren” sowie in der ”Divina Commedia Astrologica” herausgearbeitet. Jedenfalls dürfte klargeworden sein, daß die von Astrologen 200 Jahre lang ignorierte Ceres ein ungemein facettenreicher, psychologisch und spirituell hochbedeutsamer astrologischer Faktor ist, der durchaus gleichrangig neben den Großplaneten stehen kann – so wie die Demeter, die Pallas Athene, die Hera (römisch: Juno) und die Hestia (römisch: Vesta) ihre geachteten Plätze im antiken Pantheon innehatten.

3. Die Vierheit der Göttinnen und ein Vorschlag zur Zeichenzuordnung

Die Asteroiden des Hauptgürtels wurden in zwei ”Schüben” entdeckt. In den ersten sieben Jahren ab 1801 traten vier Göttinnen ins Bewußtsein der Menschheit, von denen drei Schwestern sind und deren Brüder Pluto, Neptun und Jupiter heißen, sie alle sind Kinder des Saturn; die vierte erhielt – abweichend von der Tradition – nicht den römischen, sondern den griechischen mythologischen Namen: Pallas, nach Pallas Athene, der dem Haupt des Zeus entsprungenen. Es ist an dieser ”Verwandtschaft” unschwer zu erkennen, daß es sich hier nicht um ”niedere, vernachlässigbare” Gottheiten handelt – auch wenn sie von den Astrologen so behandelt wurden. Nach der Entdeckung Vestas wurden, trotz angestrengter Himmelsbeobachtung, keine weiteren Asteroiden mehr entdeckt. Erst kurz vor der Entdeckung Neptuns ”brach der Damm” und von nun da wurden Jahr für Jahr immer neue kleine Planeten entdeckt, so daß die Astronomen bald von einer ”Flut” sprachen.

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Abbildung aus ”Häretische Blätter” Nr. 5

Für mich war dies ein ”exoterischer” Hinweis darauf, die erstentdeckten Asteroiden als eine Einheit oder besser gesagt integrale Vierheit zu begreifen, wodurch sie von der Schar der nachfolgenden Göttinnen strukturell unterschieden sind [2]. Dieser astronomiegeschichtliche Tatbestand korrespondierte mit meinem langsam sich herausbildenden Verständnis dieser Asteroiden als ”vier Mütter” in Analogie zur Quaternität, wie sie sich in der Theosophie, bei Anagarika Govinda und Sri Aurobindo darstellt. Und so entfalteten sich mir, aufgrund dieser Hypothese, die Bedeutungen jener vier Asteroiden leichter, als es bei einer Einzelbetrachtung vielleicht geschehen wäre.

Theosophisch: Die Vierheit gilt als Symbol des in der Materie gekreuzigten Geistes. Aus den – aus Sicht des Geistes verdunkelten – Bedingungen des materiellen Daseins arbeitet sich das Bewußtsein im Prozeß der Evolution langsam ”zum Licht” empor, ”kehrt heim zum Vater” oder zur göttlichen Mutter (je nachdem, welche Sichtweise man bevorzugt). Wie jedes archetypische Symbol hat auch die Quaternität eine vieldimensionale, kaum jemals auszulotende Bedeutung. Im Zusammenhang mit den vier ”Mutterasteroiden” interessiert hier nur die Struktur der Göttinnen-Vierheit.

Anagarika Govinda: In den ”Grundlagen tibetischer Mystik” stellt er die buddhistische Lehre von den fünf Dhyani-Buddhas und den fünf Weisheiten vor. Um eine zentrale Weisheitsfigur ordnen sich vier spezialisierte Buddhas an. Da ist einmal Amitabha: Diese Figur repräsentiert jene Weisheit, die ihre Erkenntnisse aus der einfühlenden Identifikation mit den Formen gewinnt. Eine gewisse Ähnlichkeit mit der mitfühlenden Sophia ist nicht zu übersehen.

Die zweite Figur ist Amoghasiddhi: Sie steht für die seelischen Kräfte des aktiven, kämpferischen Willens und der befreienden Tat; ihre Geste ist die Geste der Furchtlosigkeit. Dies ist ganz offensichtlich den Eigenschaften der Pallas Athene analog, was hier nicht ausgeführt werden kann.

Die dritte Figur ist Ratnasambhava: Aus ihrer Weisheit der Wesensgleichheit folgt die Vision der in Liebe vereinigten Subjekte. Dies hat Aspekte der Ceres, aber eben auch der Göttin Juno, die über die Sphäre der ehelichen Liebe regiert und im antiken Rom als Mutterschaftsgöttin galt – sozusagen die höhere, bewußte Oktave von unbewußt-uterinem Mond und ungebunden-erotischer Venus.

Die vierte Figur ist Aksobhya: Ihre ”spiegelgleiche Weisheit” wird aus der reflexiven Betrachtung der Formobjekte heraus still und sorgfältig tätig. Ihre Geste ist die Geste der Erdberührung. – Hier ist über die Mythologie nur schwer ein Bezug zur Herdgöttin Vesta herzustellen. Aber ausgerechnet die Astrologie der Vesta ergänzt hier die Analogielücke: Vesta begabt, wie Hans-Hinrich Taeger (”Astroenergetik”) festgestellt hat, zu Sorgfalt, Fleiß und Präzision beim Umgang mit der Materie.

Eine weitere Analogie ergibt sich für Vesta-Aksobhya und die drei anderen Göttinnen-Buddhas in den Ausführungen Sri Aurobindos. Bereits in ”Die Synthese des Yoga” erwähnt Aurobindo die ”vier bedeutendsten Kräfte” der vier Göttinnen Maheshwari, Mahakali, Mahalakshmi und Mahasaraswati. In ”Die Mutter” hat er dies dann ausgeführt:

”Die Mutter ist das Bewußtsein und die Kraft des Höchsten, sie steht hoch über allem, was sie erschafft. Etwas aber von ihrer Art und Weise können wir durch die Verkörperungen sehen und fühlen, in denen es ihr gefällt, sich uns zu offenbaren, und je bestimmter der Charakter und je begrenzter deren Wirken ist, desto greifbarer werden die Gottheiten für uns... Vier große Aspekte der Mutter haben bei ihrer Führung dieses Universums im Vordergrund gestanden, vier ihrer Hauptcharaktereigenschaften haben bei ihrem Einsatz im irdischen Spiel Gestalt angenommen:

Die eine repräsentiert gelassene Weite und umfassende Weisheit und ruhiges Wohlwollen und unerschöpfliches Erbarmen und erhabene und überragende Majestät und alles beherrschende Größe.” – Dies ist Maheshwari.

”Eine zweite verkörpert die Macht ihrer wunderbaren Stärke und unwiderstehlichen Leidenschaft, ihr kriegerisches Wesen, ihren überwältigenden Willen, ihre stürmische Schnelligkeit und ihre weltenerschütternde Kraft.” – Dies ist Mahakali.

”Eine dritte ist lebendig und anmutig und wundervoll im tiefen Geheimnis ihrer Schönheit, ihrer Harmonie und ihrer feinen Rhythmen, ihres vielfältigen und erlesenen Reichtums, ihrer unwiderstehlichen Anziehungskraft und ihrer bezaubernden Anmut.” – Dies ist Mahalakshmi.

”Die vierte ist ausgestattet mit einer verborgenen großen Fähigkeit zu intimem Wissen, zu sorgfältiger, untadeliger Arbeit und zu unauffälliger und exakter Vollkommenheit in allen Dingen.” – Dies ist Mahasaraswati.

Aurobindo gibt ihnen die ”vier großen Namen”: ”große Mutter der Weisheit” (= Ceres), ”große Mutter der Macht” (= Pallas), ”große Mutter der Schönheit und Liebe” (= Juno) und ”große Mutter der Vollkommenheit” (= Vesta). Denn ”Weisheit, Macht, Harmonie und Vollkommenheit” sind die Attribute der Göttinnen, ”diese Kräfte bringen sie auch mit sich in die Welt, offenbaren sie in menschlicher Verkleidung in ihren Werkzeugen” – und wie sie dort psychologisch konstelliert sind, das zeigt das Horoskop!

Meine These von der Quaternität der ”Mutterasteroiden” führte mich auch zu einer integralen Zeichenzuordnung. Beigefügte Grafik zeigt um das Band des Tierkreises herum zuerst die klassischen Zuordnungen der großen Planeten. Der Tierkreis ist hier bekanntlich zweigeteilt durch die Achse 0° Löwe – 0° Wassermann. Von der Gegenüberstellung Mond–Sonne abgesehen, spiegelt sich jeder Planet über diese Achse ins entsprechende Zeichen auf der gegenüberliegenden Seite. Wenn man 0° Löwe als Ausgangspunkt nimmt, reihen sich die Planeten gemäß ihrem Abstand von der Sonne aneinander, bis die beiden Bögen bei 0° Wassermann wieder aufeinandertreffen.

Dann geschah der Eintritt von Uranus, Neptun und Pluto ins astrologische Universum. Der Tierkreis ”brach auf” bei 0° Wassermann und in der Reihenfolge ihrer Entdeckung lösten die transsaturnischen Planeten die klassischen als Regenten ab (ohne sie zu verdrängen). In meiner Zuordnung von Pluto zu Widder folge ich Hans-Jörg Walter und Oskar Adler. Andere Zuordnungen Plutos, insbesondere zu Skorpion, sind unter anderen Herangehensweisen durchaus möglich; dies kann hier nicht ausdiskutiert werden.

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Wenn wir das ”Aufbrechen” weiterdenken, dann können wir, von 0° Stier aus, die Asteroiden Ceres, Pallas, Juno und Vesta auf einem Bogen aufreihen, der bei 0° Jungfrau endet. Ferner können wir uns einen gespiegelten Bogen denken, der bei 0° Steinbock beginnt und mit dem ersteren Bogen bei 0° Jungfrau zusammentrifft. Die Achse ist nun nicht mehr 0° Löwe – 0° Wassermann, sondern hat sich um ein Zeichen gekippt und geht durch 0° Jungfrau – 0° Fische. Wie im klassischen Konzept spiegeln sich die Regenten ins entsprechende Zeichen auf der gegenüberliegenden Seite. Der über drei Zeichen gehende solitäre Bogen der transsaturnischen Planeten wird von den beiden Asteroiden-Bögen nicht überlagert; und unberührt von allen Neuentdeckungen bleibt Saturn Regent von Steinbock.

Macht diese integrale Zuordnung Sinn, abgesehen davon, daß sie eine gewisse Ästhetik besitzt? Ich meine ja: Ceres regiert Stier als Heros- und Weisheitsgöttin, und in Schütze kommt ihr Dionysos-Aspekt zum Ausdruck (Dionysos, der aus dem Oberschenkel des Zeus geborene feminine Held, in dem Geist und Natur versöhnt sind). Pallas ist in Zwillinge die Göttin der Wissenschaften, in Skorpion die Kriegerin. Juno ist in Krebs die Göttin der Mutterschaft, in Waage die der Partnerschaft. Vesta schließlich ist in Löwe die Priesterin, die – wie Hestia auf dem Olymp – das Feueropfer vollzieht, und in Jungfrau die sorgfältige Arbeiterin. – Andere Zeichenzuordnungen will ich damit nicht ausschließen (siehe Beispiel Pluto), für die Ceres hat dies Dieter Koch mit der Zuordnung zur säenden und erntenden Jungfrau ja bereits unternommen. Doch es ist ja gerade das Schöne an der Astrologie, daß sich Hypothesen durch astrologische Forschung überprüfen lassen und auf diese Weise der Schatz des gesicherten astrologischen Wissens langsam, aber stetig anwächst – oder sollte man nicht besser von astrologischer Weisheit sprechen?

[1] Deren Ergebnisse veröffentlichte ich in den ”Häretischen Blättern”, Hefte Nr. 4 und 5, darin finden sich auch exakte Quellenangaben für die Zitate im nachfolgenden Text; die Untersuchung über die vier ”Mutterasteroiden” wird voraussichtlich im 7. Heft abgeschlossen

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[2] Es kann allerdings eingeräumt werden, daß es unter den später entdeckten, kleineren Asteroiden auch welche mit den Namen älterer Göttinnen gibt, die im Emanationsmuster der Mythologie näher am Ursprung liegen

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Copyright »Meridian« (neue »Recht«schreibung),
Bernhard Rindgen (alte Rechtschreibung)

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