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Verlag der
Häretischen Blätter
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Edition  hb_sn_81  Die Schnecke

»Der sehr kleine Verlag Die Schnecke hat eine sehr gute Lebensschilderung herausgebracht. Die Schreiberin heißt Annegret Walz, und die Beschriebene ist Hedwig Lachmann. Ungewöhnlich und eigenwillig wie diese Frau ist der Titel des Buchs: ‚Ich will ja gar nicht auf der logischen Höhe meiner Zeit stehen‘. Hier ist eine Lebensbeschreibung entstanden, die dem Rang der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Hedwig Lachmann (1865-1918) gerecht wird. Aus ihren wunderschönen Liebesbriefen und anderen Briefen zitiert die Autorin (zu?) reichlich. Doch letztlich tun die vielen Zitate dem Buch gut. Sie sagen mehr über diese Menschen und ihre Welt aus als der beste Biograph, sind Zeugnisse einer hohen Kunst des Briefeschreibens. Das Buch rückt auch das Bild des 1919 ermordeten Gustav Landauer zurecht. Als utopischer Revolutionär galt er als Bürgerschreck; doch in Wahrheit war er ein nach Selbstvervollkommnung strebender, tiefster Gefühle fähiger Mann. Ein lesenswertes Buch.« (Augsburger Allgemeine 4.2.1994)
 

Annegret Walz

»Ich will ja gar nicht auf der logischen Höhe meiner Zeit stehen«
Hedwig Lachmann. Eine Biographie

544 Seiten, über 60 Abbildungen, Leinen, ISBN 3-929589-00-1, 36,50 Euro

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»Viele eingestreute Briefpassagen und Textstellen - sie machen mehr als die Hälfte des Buches aus - bürgen gewissermaßen für seine Authentizität. Sie spiegeln nicht nur die Gefühls- und Geisteswelt Hedwigs und Gustav Landauers wider. Sie gewähren auch einen Einblick in das Milieu der Berliner Boheme zwischen Jahrhundertwende und Weltkrieg mit seinen schillernden Persönlichkeiten und vielfältigen Strömungen. Der Autorin, die dieses Buch nach einer jahrelangen Beschäftigung mit Gustav Landauer und Hedwig Lachmann geschrieben hat, dürfte es auch und nicht zuletzt um eine Korrektur des Bildes Gustav Landauers gegangen sein. Sie akzentuiert die geistige, libertär-utopische Dimension von Landauers Gedankengut.« (Sender Freies Berlin 17.12.1993)

»Über das Leben von Lachmann war bis zum Erscheinen dieser Biographie wenig bekannt. Nur einige Spezialforscher wußten von ihrer engen persönlichen und künstlerischen Beziehung zu Richard Dehmel und Gustav Landauer, den sie 1903 heiratete. Walz gelingt es plausibel, Leben und Werk der Autorin aus der bis dahin behaupteten Prädominanz dieser beiden Geistesgrößen herauszulösen und ihr in der Darstellung so Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, daß sie als eine sehr seltene, eigenartig introvertierte und selbständige Frau erscheint, die weitgehend unbeeindruckt vom Zeitgeist bleibt.« (Germanistik. Internationales Referatenorgan mit bibliographischen Hinweisen, 35. Jg. 1994, 3/4)

»Annegret Walz beginnt ihre Biographie mit sehr persönlichen Worten. Sie beschreibt, was sie an Hedwig Lachmann fasziniert hat - deren Nicht-Tun, deren aktive Passivität, deren an der Welt mit-leiden. Die Biographin hält diese Nähe in ihrem umfangreichen Buch durch bis zum Schluß. Sie macht letztlich die Stärke des Werks aus. Annegret Walz bemüht sich, über die äußeren Fakten und Materialien - deren Herkunft sie durchweg minutiös und lebensnah belegt - das Menschliche an ihrer Heldin aufzuzeigen. Zahllose Anekdoten und Briefauszüge bilden dafür einen hauptsächlichen Hintergrund. Die Biographin gewährt Einfühlung im besten Sinne des Wortes und all die Leser, die eine innige Nähe zum Thema suchen, werden reich beschenkt. Herausragend bleibt, wie sensibel und einfühlsam Annegret Walz die Liebe, den Bund von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer schildert. Es gelingt ihr dabei das Kunststück, der Intimität weder zu nah zu kommen, noch ihr zu fern zu stehen.« (Die Aktion. Zeitschrift für Politik, Literatur, Kunst, Heft 181/185, 1998, S. 92-96)

Diese zeit- und kulturkritische Biographie der zu Unrecht vergessenen deutsch-jüdischen Dichterin Hedwig Lachmann schildert erstmals die leidenschaftliche Werbung des Dichters Richard Dehmel um die eigenartig schweigsame Frau. Ihr Begriff der »Frauenlogik« verteidigt die weiblichen Werte sowohl gegen männliche Autorität als auch gegen eine falsch verstandene vermännlichende Frauenemanzipation. Im Berlin der Jahrhundertwende kam es zur schicksalhaften Begegnung mit Gustav Landauer. Sie hat dessen Leben und Werk nachhaltig beeinflußt, indem sie - ohne sich selbst je als Anarchistin zu bezeichnen - den Ideen seines spirituellen Anarchismus auf einer tieferen Ebene nahestand. Sie übersetzte u.a. Petöfi, Poë, Rossetti und Verlaine ins Deutsche; ihre Übertragung von Oscar Wildes »Salome« diente Richard Strauss als Textgrundlage für seine gleichnamige Oper.

Erhältlich im Buchhandel, bei der Edition Die Schnecke, Rosenweg 49, 71287 Flacht, oder beim Verlag der Häretischen Blätter.

 

Annegret Walz

Hedwig Lachmann (1865-1918) und
Gustav Landauer (1870-1919)

Vortrag an der Schwabenakademie Irsee, September 1991
 

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Das Schweigen liegt mir selbst näher als das Reden – darin geht es mir wie Hedwig Lachmann. Und Gustav Landauer erkannte wie kaum ein anderer die Grenzen der Sprache als Erkenntnismittel. In seinem schmalen Büchlein “Skepsis und Mystik” heißt es dazu:

“Die Welt strömt auf uns zu, mit den paar armseligen Löchern unserer Zufallssinne nehmen wir auf, was wir fassen können, und kleben es an unseren alten Wortvorrat fest, da wir nichts anderes haben, womit wir es halten können. Die Welt strömt aber weiter, (...) die Natur, in ihrer Sprachlosigkeit und Unaussprechbarkeit, ist unermeßlich reich gegen unsere sogenannte Weltanschauung, gegen das, was wir als Erkenntnis oder Sprache von der Natur schwatzen.”

Das Leben dieser zwei Menschen jüdischer Abstammung fiel in die Zeit des deutschen Kaiserreiches. Es ist von dieser Zeit geprägt, aber dennoch kann gesagt werden, daß sie einer Zeit angehörten, die noch gar nicht gekommen ist. Sie waren Fremdlinge in der damaligen Gesellschaft; und sie wären es auch heute noch.

Ich vermag nicht mehr zu sagen, wann mir diese Namen zum erstenmal begegneten, aber es war 1984, als ich den Namen Hedwig Lachmann erstmals bewußt las, um ihn nicht mehr zu vergessen. Durch einen “Zufall” hatte ich die beiden Briefbände von Gustav Landauer, 1929 von Martin Buber herausgegeben, in die Hände bekommen, in denen ich eigentlich nach etwas ganz anderem suchte. Ich war von den darin abgedruckten Briefen Landauers an Hedwig Lachmann so beeindruckt, daß ich unbedingt mehr über sie erfahren wollte. Ich wollte auch ihre Antwortbriefe lesen, aber damit war es nicht so einfach in einem Buch oder dergleichen waren sie nicht zu finden.

Langsam begann sich der Name, den ich bisher nur von einer Gedichtunterschrift her kannte, zu füllen. Hedwig Lachmann heiratete später Gustav Landauer, über den ich durch diese Briefbände nun auch mehr erfuhr: Endlich etwas über den Menschen Landauer, von dem ich bereits politische oder richtiger gesagt antipolitische Schriften kannte und von dem ich wußte, daß er an der Münchner Räterepublik beteiligt war und dort 1919, wie viele andere, ermordet wurde. Im Buchhandel war außer einigen seiner Schriften nichts zu bekommen, nach den Briefbänden mußte ich antiquarisch suchen. Wie auch nach den Gedichtbüchern von Hedwig Lachmann, die stets auch nach ihrer Verheiratung unter diesem Namen veröffentlicht hat.

Meine Spurensuche führte mich alsbald auch nach Krumbach in bayerisch Schwaben, dem Ort, den Hedwig Lachmann als ihre Heimat betrachtete und wo sie, als sie in Berlin wohnte, meist den Sommer verbrachte, um sich von der Großstadt zu erholen. Hier verlebte sie ihre Schulzeit und ihre letzten Lebensmonate; hier wurde sie begraben.

Ob das Grab noch existierte, wußte ich nicht. Es war später Nachmittag, als ich in Krumbach eintraf, und es begegneten mir zwei junge Männer, die Plakate der Friedensbewegung aufstellten. Die fragte ich nach der Dichterin und nach dem Grab. Sie schauten mich aber nur verwundert und ratlos an und konnten keine meiner Fragen beantworten.

Am nächsten Morgen begab ich mich aufs Rathaus und erzählte mein Anliegen einer Frau, die ich dort antraf; aber auch sie konnte mir keine Auskunft geben. Sie holte einen Mann zu Hilfe, und dieser schickte mich zu einem Haus, angeblich das Wohnhaus der Familie Lachmann; von einem Grab wußte auch er nichts. Ich machte mich auf den Weg, doch als ich vor dem Haus stand, hatte ich das Gefühl, daß es das falsche Haus war. Aus dem Fenster eines Nachbargebäudes beobachtete mich schon einige Zeit ein älterer Mann; er bestätigte mir, daß es sich bei diesem Haus nicht um das gesuchte handelte. Ich fragte ihn, ob es in Krumbach ein Heimatmuseum gebe er bejahte und beschrieb mir den Weg. Fünf Minuten später war ich dort es öffnete eine ältere Frau mit Kopftuch und Katze. Wieder brachte ich meine Fragen vor, sie telephonierte mehrmals und schickte mich dann zu einem Herrn, der einige Straßen weiter wohnte. Der riet mir, unbedingt noch die Morgenstunden auszunutzen und sogleich zum jüdischen Friedhof zu gehen. Daß es in Krumbach einen jüdischen Friedhof gibt, erfuhr ich erst jetzt er schien damals nicht sehr im Bewußtsein der Bevölkerung zu sein.

Ich ging den Weg, der mir beschrieben worden war er führte aus dem Ort heraus, vorbei an zwei alten Linden, die sicher schon Hedwig Lachmann und Gustav Landauer gesehen hatten. Ich verließ die Hauptstraße und ging auf eine leichte Anhöhe zu. Schon von weitem sah ich die weiße Mauer des Friedhofs, der vor allem mit hellen Birken umwachsen ist. Im Hintergrund steht dunkler Tannenwald. Klarheit und Ruhe lag über allem so mußte Hedwig Lachmann begraben sein. Es kam mir ihr Gedicht “Spaziergang” in den Sinn:

    Die Sonne steht schon tief. Wir scheiden bald.
    Leis sprüht der Regen. Horch! Die Meise klagt.
    Wie dunkel und verschwiegen ist der Wald!
    Du hast das tiefste Wort mir nicht gesagt.

    Zwei helle Birken an der Waldeswand.
    Ein Spinngewebe zwischen beiden, sieh!
    Wie ist es zart von Stamm zu Stamm gespannt!
    Was uns zu tiefst bewegt, wir sagen's nie.

    Fühlst du den Hauch? Ein Zittern auf dem Grund
    Des Sees. Die glatte Oberfläche bebt.
    Wie Schatten weht es auch um unsern Mund

    Wir haben wahrhaft nur im Traum gelebt.

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Geboren wurde Hedwig Lachmann am 29. August 1865 in Stolp in Pommern dem Land am Meer, das sie so sehr liebte und das zu ihren frühesten Kindheitseindrücken gehörte. Ihr Vater Isaak (auch Isaac und Isak) Lachmann (1838-1900) entstammte einer jüdischen Gelehrtenfamilie aus Dubno in Rußland. Nach seiner Heirat mit Wilhelmine Wohlgemuth (1840-1917), die aus Berent in Preußen stammte, war er Kantor und Religionslehrer in Stolp, später in Lauenburg. Hedwig war ihr erstes Kind. Als Hedwig sieben Jahre alt war, übersiedelten die Eltern mit ihrer Tochter und zwei Söhnen nach Hürben im bayerischen Schwaben, nahe bei Krumbach, wo der Vater eine neue Stelle als Kantor an der dortigen jüdischen Gemeinde antrat. Krumbach sollte Hedwigs Heimat werden; dort bekam sie eine Schwester und zwei weitere Brüder.

Sie wuchs in einem religiösen und von Musik geprägten Elternhaus auf. Bereits während ihrer Schulzeit im Fernsemerschen Töchterinstitut, einer Mädchenrealschule in Krumbach, lernte sie die verschiedensten Religionsgemeinschaften nebeneinander kennen. Auch wurde auf das Studium von Fremdsprachen besonderer Wert gelegt. Mit 15 Jahren bestand sie in Augsburg die Prüfung zur Sprachlehrerin dieser zeitübliche Frauenberuf brachte ihr eine gewisse Unabhängigkeit und die Möglichkeit zu Auslandsaufenthalten. Siebzehnjährig ging sie als Erzieherin nach England, 1885 nach Dresden und zwei Jahre später nach Budapest, wo sie die ungarische Sprache erlernte. 1889 siedelte sie sich in Berlin an.

Auch dort mußte sie sich ihren Lebensunterhalt als Hauslehrerin verdienen, worunter sie gelitten hat, da es sie geistig nicht ausfüllte. Dazu kam, daß in Berlin eine Tante und ein Onkel wohnten, beide krank, und Hedwig sich verpflichtet fühlte, sich an den Abenden um sie zu kümmern, obwohl diese Tätigkeit eigentlich über ihre körperlichen Kräfte ging. Trotz dieser niederdrückenden Situation fand sie immer wieder Zeit und Ruhe, um literarisch tätig zu sein. 1891 kam ihr erstes Büchlein heraus, eine Sammlung “Ungarische Gedichte”, die vor allem Nachdichtungen von Alexander Petöfi enthält. Im selben Jahr erschien eine Gedichtsammlung des nordamerikanischen Schriftstellers Edgar Allen Poe in ihrer Übertragung. Auf diese Poe-Gedichte hat sie ihr Leben lang besonderen Wert gelegt.

Hedwig Lachmann war befreundet mit der jüdischen Malerin Julie Wolf (1868- ca. 1944), die aus Thorn in Preußen kam und sich daher auch Wolfthorn nannte. Sie malte vor allem Porträts, so auch von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer. Ihre Bilder sind weitgehend verschollen oder wie die Malerin selbst, deren Spur sich in einem Konzentrationslager verlor, vergessen.

Julie Wolf machte Hedwig mit Paula Dehmel (1862-1918) bekannt; Hedwig freundete sich auch mit ihr an. Durch sie, ebenfalls Jüdin, mit einer ähnlichen Herkunft wie Hedwig, lernte sie im Alter von 27 Jahren Richard Dehmel kennen Paula war seit 1889 mit dem eigenwilligen Dichter verheiratet. Sie wurde vor allem durch ihre Kinderbücher bekannt. Dehmel (1863-1920) rang zu dieser Zeit um seine Anerkennung als Dichter und war gezwungen, seine Familie durch eine Tätigkeit als Sekretär bei einer Feuerversicherung zu ernähren.

Im Kreis um Dehmel fand Hedwig den geistigen Austausch, den sie benötigte. Diese Atmosphäre der Literatur- und Kunstfreunde, beeinflußt von der Kulturkritik Nietzsches, wirkte sich anregend auf ihre literarische Arbeit aus. Durch Vermittlung Dehmels lernte sie am 14. August 1894 die in München lebende naturalistische Erzählerin Anna Croissant-Rust (1860-1943) persönlich kennen. Aus dem Besuch bei Dehmels Brieffreundin entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft.

Mit Dehmel fand ein intensiver literarischer Austausch statt; wo aber seine gutgemeinten Ratschläge und seine “strenge Kritik” zu weit gingen, wehrte sie sich entschieden. Ihrem innersten Empfinden und ihrem Stil mußte sie treu bleiben. Ihre völlig unterschiedliche literarische Motivation geht aus einem Brief von Hedwig Lachmann an Dehmel aus dem Jahre 1893 hervor:

“Lieber Freund! Nein, so sollen Sie nicht an mich schreiben und um die Frauenlogik will ich mich überhaupt nicht mit Ihnen streiten. (...) Ach, ich will ja gar nicht auf der logischen Höhe meiner Zeit stehen, nur immer auf der Höhe meines Selbst. Ich will ja auch gar keine Kulturarbeit verrichten, gar keine, gar keine, das Anstreben des Männlichen ist mir ja so verhaßt, ich möchte nur das ausgestalten können, was in mir lebt”.

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Im Mai desselben Jahres gestanden sie sich ihre Liebe, was beide in starke Gefühlsverwirrungen stürzte. Da Dehmel verheiratet war, hielt Hedwig ihre Gefühle für verwerflich. Sie löste diesen Konflikt, indem sie sich sagte, er könne ihr seine seelisch-geistige Liebe geben. Sie schrieb ihm, in Anlehnung an ein Bibelwort: “Und es soll nicht sein, ‚daß Du den Kindlein ihr Brod wegnähmest‘, sondern, daß Du auch mir ‚lebendiges Wasser‘ reichest.”

Als Schwester wollte sie von Dehmel geliebt sein. Dehmel aber, für den nur die “Satzungen seines Herzens” galten, wünschte sich eine “Ehe zu dritt”. Für Hedwig war dies undenkbar. Mit Paula kam es dadurch nicht zum Bruch.

Vier Jahre dauerte der Kampf um Hedwigs Gunst an und führte Dehmel mehrmals in eine Nervenkrise, bis sich die Beziehung zwischen ihnen langsam löste. Der Theaterkritiker Julius Bab schrieb hierüber, “dieses Erlebnis in seinem Fortgang (...) hat Dehmel auf den tiefsten Grund seiner lyrischen Kunst geführt. In dem inbrünstigen und sieglosen Ringen mit der stolzen Dichterseele dieses merkwürdigen Mädchens und mit seiner eigenen ist die ganz große und ganz eigene und reine Dichtkunst Dehmels erst zu voller Entfaltung gelangt.”

“Hedwig Lachmann verdankt Dehmel vielleicht die seelenhaftesten seiner Gedichte.” (Bertha Badt-Strauss)

1895 lernte Dehmel Ida Auerbach (1870-1942), ebenfalls eine Jüdin, kennen. Anfangs wollte er alle drei Frauen in Eintracht um sich haben. Nachdem sich Paula 1899 von ihm getrennt hatte und Hedwig Lachmann im selben Jahr Gustav Landauer kennengelernt hatte, heiratete er Ida 1901. Diese Frau war zu einer Zeit in sein Leben getreten, als sich endgültig abzeichnete, daß Hedwig Lachmann niemals seiner Leidenschaft nachgeben würde.

Dehmel hatte der “Dämmerungsblume” Hedwig immer das “Blühen am Tage” und seine Vorstellungen von Lebensfreude beibringen wollen. In einem Brief aus Ungarn erklärte sie Dehmel gegenüber:

“Du weißt vielleicht nicht, wie ich mit allen meinen Fasern zum Licht strebe, mit meiner ganzen Sehnsucht nach einem vollen, ungetheilten Lebensgehalt.” “Mein Wesen erschließt sich überhaupt nur da, wo ich Gleichheit finde und eine gemeinsame Unterlage der Lebensinteressen.”

Nicht bei Dehmel konnte sich ihr Wesen entfalten, sondern bei einem Mann, dem sie im Februar 1899 in einer Berliner Kunstgalerie begegnete: Gustav Landauer. Julius Bab erkannte beider Gemeinsamkeit: Sie lebte “in weiblich leiser und künstlerisch verhaltener Art derselben Leidenschaft (...) wie dieser brennend bewußte, laut bewegte Mann”.

Landauer wurde am 7. April 1870 in Karlsruhe als Kind eines Schuhhändlers geboren. Im Unterschied zum Elternhaus Hedwigs hatte bei den Landauers die jüdische Religion nur eine untergeordnete Bedeutung. 1913 erinnerte sich Gustav Landauer an seine Schulzeit:

“Die Schule (...) bedeutete mir, Ausnahmen abgerechnet, nur eine Abwechslung von nervöser Gespanntheit und Erschlaffung und einen ungeheuerlichen Diebstahl an meiner Zeit, meiner Freiheit, meinen Träumen und meinem auf eigenes Erforschen und Versuchen gerichteten Tatendrang. Da ich auch sonst vereinsamt genug war, kamen mir Buben meine eigentlichen Erlebnisse alle vom Theater, der Musik und vor allem den Büchern. (...) Vom Sozialismus verstand ich damals noch nichts und hatte keine Ahnung von nationalökonomischen Problemen; was mich in Gegensatz zu der umgebenden Gesellschaft und in Traum und Empörung brachte, war keine Klassenzugehörigkeit und kein soziales Mitgefühl, sondern das unausgesetzte Anstoßen romantischer Sehnsucht an engen Philisterschranken. So kam es, daß ich, ohne es so zu benennen, ein Anarchist war, ehe ich ein Sozialist wurde, und daß ich einer der wenigen bin, die nicht den Weg über die Sozialdemokratie genommen haben.”

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Landauer studierte in Heidelberg und Berlin Philosophie und Germanistik. Im August 1892 lernte er in Berlin die Schneiderin Margarethe Leuschner kennen (1872-1908).

Seine Eltern waren gegen diese Verbindung. Für eine Heirat war ihr Einverständnis jedoch erforderlich, da Landauer als Student finanziell von ihnen abhängig war und daher vor dem Gesetz als noch nicht volljährig galt. So wurde die Ehe Ende 1892 in Zürich geschlossen. In Deutschland war sie jedoch nicht anerkannt. Nachdem er sein Studium aufgegeben hatte, entging er dem Militärdienst, den er nun abzuleisten gehabt hätte: “Ich, Soldat! Findest Du das nicht auch äußerst komisch?” schrieb er an eine Freundin.

Seit 1892 war Landauer beim “Verein unabhängiger Sozialisten” tätig, einem Zusammenschluß der “Jungen”, wie sie sich nannten. Sie wandten sich gegen die Politik der Anpassung in der SPD. Im Februar 1893 übernahm er die Redaktion des “Sozialist”, des Organs der “Jungen”. Trotz dieser ersten bezahlten Anstellung, die der “Sozialist” zu vergeben hatte, war er in ständiger Geldnot und mußte oft von seinem Vetter Hugo finanziell unterstützt werden.

1894 wurde eine rechtsgültige Ehe in Deutschland geschlossen. Landauer hatte mit Grete zwei Töchter, von denen eine im Alter von zwei Jahren verstarb.

1897 trat Landauer aus der Redaktion des “Sozialist” aus infolge von Auseinandersetzungen um seine angeblich intellektuell zu anspruchsvolle Linie, die die Arbeiter nicht verstehen würden. Dennoch arbeitete er bis zu dessen Einstellung im Dezember 1899 am “Sozialist” weiter mit. Neben der Veröffentlichung eigener Artikel wirkte er als Redner bei Veranstaltungen und auf Kongressen; außerdem spielte er eine führende Rolle beim Schneiderstreik 1896 in Berlin. Derlei Aktivitäten brachten ihm zwei Gefängnisstrafen wegen “Aufreizung zum Aufruhr” ein. Er nutzte diese Aufenthalte zur Lektüre, las Nietzsche, Schopenhauer, Spinoza, Stirner und andere.

1919 erinnerte sich Johannes Fischart an den äußeren Eindruck, den Landauer auf seine Mitwelt machte:

“Wie eine Mischung von Christus und Don Quixote sah er aus. Leidend und in sich gekehrt. Aber doch verträumt glücklich. Sanft und abgeklärt. Struppiger kleiner Spitzbart. Volles Haupthaar. Fast in Locken fiel es ihm auf den Kragen. Bauschige Halsschleife. Lässige Kleidung. Bohemien, ohne gewollte, affichierte Genialität. Charakteristisch der mächtig weit ausgreifende Gang des übergroßen Mannes, dessen hagerer Körper in einem Pelerinenmantel schlotterte.”

In der Zeit, als Landauer Hedwig Lachmann zum erstenmal begegnete, befand er sich in einer Lebenskrise. Überall sah er sich von fast unüberwindlichen Schwierigkeiten umgeben. Von gelegentlichen Veröffentlichungen und von den Vorträgen, die er in Berlin über deutsche Literatur hielt, konnte die Familie Landauer nicht leben; sie wurde immer mehr abhängig von Gustavs Vetter Hugo. Seinen politischen Freunden hatte er sich mehr und mehr entfremdet und auch von Grete. Zugleich hatte er ihr gegenüber Schuldgefühle und wollte sie nicht alleinlassen, zumal sie in zunehmendem Maße von Krankheit geplagt wurde. Grete hatte in all den Jahren die Last der Armut und der sozialen Isolation zu tragen gehabt. In dieser schwierigen Lebensphase nun begegnete ihm das Glück in Gestalt von Hedwig Lachmann.

Von Anfang an empfand er tiefe Vertrautheit mit ihr und war sich völlig sicher, “uns beiden kann wirklich nichts helfen als unsre Ehe.” Hedwig verhielt sich ihm gegenüber äußerst zurückhaltend, war aber an einem geistigen Austausch durchaus interessiert und versuchte wie einst bei Dehmel die Beziehung auf eine freundschaftliche und literarische Ebene zu beschränken.

Als Landauer im August 1899 wieder einmal eine Haftstrafe antreten mußte, schrieb er ihr aus dem Gefängnis, und sie versorgte ihn mit den nötigen Kleinigkeiten, zum Beispiel mit chinesischer Seife. Er fühlte sich wie in einer Klosterzelle und nutzte die Zeit, um Predigten des christlichen Mystikers Meister Eckhart aus dem Althochdeutschen zu übertragen und Fritz Mauthners “Beiträge zu einer Kritik der Sprache” zu überarbeiten. Im Anschluß daran schrieb er “Skepsis und Mystik”.

Im Frühjahr 1900 wurde von den Brüdern Hart die “Neue Gemeinschaft” gegründet. Landauer lernte dort Martin Buber (1878-1965) und Erich Mühsam (1878-1934) kennen, mit denen ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Diese Gemeinschaft hatte die kulturelle und religiöse Erneuerung der Menschheit zum Ziel. Die Menschen sollten sich in kleinen selbstverwalteten Bünden organisieren; Siedlungspläne wurden diskutiert. In der “Neuen Gemeinschaft” hielt Landauer den Vortrag “Durch Absonderung zur Gemeinschaft”: Aus der Selbstfindung der einzelnen Individuen soll die neue Gesellschaft erwachsen, durch die bewußte Rückverbindung mit dem geistigen Ursprung. Da, wo für andere ein Konflikt zwischen Individuum und Gemeinschaft beginnt, ist für Landauer der Ursprung neuen Menschentums. Er schrieb dazu an Hedwig:

“Je tiefer wir in die Schächte unseres Individuallebens hinabsteigen, um so mehr werden wir dieser realen Gemeinschaft mit den Mächten der Rasse, der Menschheit, der Tierheit und schließlich, wenn wir uns von Begriffsdenken und sinnlichem Schauen in unsere verborgensten Tiefen und in das unsagbare Stillhalten zurückziehen, der ganzen unendlichen Welt teilhaftig. Denn diese Welt lebt in uns, denn sie ist unsre Ursache (...) Unser Allerindividuellstes ist unser Allerallgemeinstes. Wenn wir diese Gemeinschaft mit der unendlichen ‚Vergangenheit‘ in uns herstellen, werden wir reif zum Bruch mit den Zufallsgemeinschaften der Gegenwart, werden wir die Liebe finden zu den Mitmenschen, die ja dieselbe Gemeinschaft in sich selber tragen, wie wir”.

Julius Bab erinnerte sich an einen Vortragsabend, bei dem er Hedwig Lachmann zum erstenmal sah:

“Die ‚Neue Gemeinschaft‘, jene so ideal gedachte, und so dilettantisch ausgeführte Religionsgründung der Gebrüder Hart, hielt Versammlungen ab, die in unsicherer Mitte zwischen Religionsübung und Vortragsabend schwammen. Eben hatte Gustav Landauer auch seine von Geist geschärfte, von übermächtigem Gefühl durchwogte Stimme hörte ich da zum erstenmal über Friedrich Nietzsche und den Geist der Zeit gesprochen. Da erschien eine kleine, schlanke Frauengestalt auf dem schwarzen Podium, nicht alt, aber über der feinen Stirn und dem zarten Gesicht ein Kranz weißer Haare. Das war Hedwig Lachmann. Und sie begann vorzulesen, Verse von Stefan George. Sie las leise, kaum überall vernehmlich und sehr einförmig. Aber in ihrer kleinen, singenden Stimme mußte eine geheime Kraft wohnen.”

Beide zogen sich bald von der “Neuen Gemeinschaft” wieder zurück.

Im Februar 1900 war Gustav Landauers Vater und im Mai desselben Jahres der Vater von Hedwig Lachmann gestorben. Ein Jahr später faßte Hedwig den Entschluß, mit Landauer nach England zu gehen, da sie die gesellschaftliche Ächtung in Deutschland fürchtete; Landauers Ehe mit Grete ließ sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht lösen. In den Wäldern um Krumbach schlossen sie ein “Herzensbündniß”.

Als Dehmel von Hedwigs Entscheidung erfuhr, schrieb er ihr: “ich freue mich von ganzem Herzen dazu. Glück brauche ich Dir nicht zu wünschen; denn wenn ein Wesen wie Du solch Schicksal auf sich nimmt, liegt die Gewähr für Glück schon in dem Entschluß, trotz und wegen der Leidenspflichten, die er Dir auferlegt, und die zu Deiner Art Glück nun einmal nötig scheinen. (...) Landauer verdient Dich, als Mensch wie Mann; ich glaube, daß eine Frau selbst auf die Thorheiten seines Characters stolz sein kann.”

Der Aufenthalt in Bromley/Kent in Südengland gewährte ihnen Ruhe und Zeit für sich selbst, und Hedwig konnte sich ungestört in die neue Situation einfinden. Dort stellte sie ihr Gedichtbuch zusammen. Allerdings fanden sie keinen gesellschaftlichen Anschluß und auch trotz anfänglicher Hoffnungen, die beide sich machten keinerlei Verdienstmöglichkeiten. Sie wurden völlig abhängig von Zuwendungen ihrer Gönnerin, der Schriftstellerin und Sozialistin Auguste Hauschner (1850-1924).

Im Sommer 1902 kehrten sie darum völlig verarmt nach Deutschland zurück. Hedwig fürchtete sich nun auch nicht mehr so sehr vor gesellschaftlichen Schwierigkeiten. Sie ließen sich in Hermsdorf, einem Vorort von Berlin, nieder. Bald darauf kam ihre erste Tochter Gudula zur Welt. Landauer und Grete wurden im März 1903 geschieden und am 18. Mai wurde die Ehe mit Hedwig Lachmann rechtmäßig geschlossen.

1902 veröffentlichte sie den Gedichtband “Im Bilde. Gedichte, auch Nachdichtungen”, der ihrem Vater gewidmet ist. In den Rezensionen dieses Buches finden sich Charakterisierungen wie: eigentümlich, sonderbar, schwermütig Gedankengedichte denn Hedwig Lachmann reflektierte ihre Inspirationen in symbolischen Bildern. In einer Besprechung aus dem Jahre 1904 heißt es: “Die Schleier der Melancholie ziehen sich um uns zusammen. Wenn man durch dieses wertvolle Buch hindurchgeht, so ist einem, man wandere einen einsamen Weg über ein kahles Feld im Herbste.”

1903 erschien ihre wohl bedeutendste Übersetzung im Insel-Verlag, Leipzig, “Salome” von Oscar Wilde, ein Drama um die Enthauptung Johannes‘ des Täufers, das auf Markus 6, 14-29 zurückgeht. Die Übertragung war bereits im Jahre 1900 in der “Wiener Rundschau” erschienen. Sie wurde 1905 als Textbuch für die gleichnamige Oper von Richard Strauss verwendet. Doch den Namen der Übersetzerin werden sich die wenigsten Zuhörer gemerkt haben, ihr Name blieb trotz weiter Verbreitung der Oper so gut wie anonym.

Mit ihren Übertragungen aus der Lyrik von Poe, Dante Gabriel Rossetti, Charles Algernon Swinburne, Paul Verlaine, Oscar Wilde und anderen gehört Hedwig Lachmann zu den ersten, die diese Dichter des englischen und französischen Symbolismus den deutschen Lesern zugänglich machten. Im Gegensatz zum Naturalismus wollte diese Kunstrichtung vor allem seelisch-geistige Inhalte ausdrücken. Durch Symbol und Klang wurde eine suggestive Beeindruckung empfänglicher Menschen hervorgerufen. George, Hofmannsthal und Rilke waren Vertreter des deutschsprachigen Symbolismus.

1905 veröffentlichte Hedwig Lachmann eine Monographie über Wilde. Gemeinsam mit Landauer übersetzte sie Balzac, Tagore, die König-Arthus-Sage nach Malory und vieles andere mehr. Die Übersetzungshonorare und Veröffentlichungen reichten jedoch kaum für den Lebensunterhalt aus, zumal die Familie 1906 um eine zweite Tochter angewachsen war und Landauers Tochter Charlotte aus seiner Ehe mit Grete aufgenommen wurde.

Landauer hatte kurze Zeit eine Tätigkeit als Buchhändler versucht. Julius Bab bemerkte hierzu: “vielleicht das traurig-heiterste Schauspiel der Welt seit den Tagen, da Spinoza Brillen schliff.” Weiterhin wirkte er als Theaterkritiker, Rezensent und durch Vorträge vor privatem Publikum der Berliner Gesellschaft. Wurde die Not allzu groß, half immer wieder Auguste Hauschner. Ihr Haus war ein Treffpunkt der unterschiedlichsten Künstler und Literaten. Über Landauers Vorlesungen in ihrem Hause schrieb sie:

“Er kam immer wie vom Berge Sinai zu uns herunter wir kamen zu ihm aus den Niederungen der Alltäglichkeit, beladen mit der Sorge um die Dinge. Nicht ohne Bitterkeit mag er die Fahnenflucht so mancher Dame wahrgenommen haben, die ihre geselligen und wirtschaftlichen Pflichten zwangen, die der Bildung zugedachte Zeit zu kürzen. Nach Beendigung der Rede pflegten sich die Unterschiede etwas auszugleichen.”

1908 wurde der “Sozialistische Bund” gegründet und die Zeitschrift “Der Sozialist” als sein Organ wieder herausgegeben. Der “Bund” und seine Zeitschrift waren wesentlich von Landauers Gedankengut geprägt. In verschiedenen Städten in Deutschland und der Schweiz wurden Ortsgruppen gegründet.

Die Zeitschrift und der “Sozialistische Bund” hatten einen schweren Stand. Zu ungewohntes verlangten sie von den Arbeitern, für die sie doch gedacht waren. Menschen, die an Hierarchien gewohnt waren und an Organisationen, deren Führer ihnen das Denken abnahmen sie sollten nun, als eine Voraussetzung politischer Aktivität, selbständig denken und sich mit Dichtern und Philosophen beschäftigen, von denen ausgewählte Texte abgedruckt wurden. Hierzu bemerkte Landauer, dem wieder einmal vorgeworfen wurde, intellektuell zu anspruchsvoll zu sein, gegenüber Margarete Faas-Hardegger (1882-1963):

“Aber der Denkträgheit und dem Dünkel des Proletariats, an denen die Sozialdemokratie große Schuld hat, dürfen wir nicht nachgeben. Die Artikel des ‚Sozialist‘ sind den Arbeitern keineswegs wirklich unverständlich; sie müssen sich daran gewöhnen, daß es ernst zu arbeiten gilt, um die Dinge zu sehen wie sie sind; es kommen manchmal notgedrungen Wendungen, wohl auch hie und da Fremdwörter, die einen gewissen Bildungsfonds voraussetzen; dazu ist die Kameradschaftlichkeit da, das zusammen durchzugehen; dazu sind vor allem die Gruppen da, wo Gebildete und Einfache zusammen sind, um den Sinn und die Meinung der Beiträge herauszuarbeiten. Diese Art propagandistische Proletarier haben sich aber etwas ganz Schlimmes angewöhnt; sie lesen solch ein Blatt nicht mit den eignen Augen, sie denken nicht einen Augenblick, daß man zu ihnen spricht und sich an sie wendet; sie halten sich für Verbreiter und fragen: die andern können die das verstehen? Immer die andern! Die andern sind gerade so wie sie. Keiner will zur Empfindung seiner selbst kommen, jeder schiebt von sich ab. Wir haben so eine unsägliche, so eine große, so eine weithinreichende Aufgabe, die eben erst beginnt. Es ist doch unmöglich, daß wir uns da von den Lesern sagen lassen, was sie lesen wollen.”

Die Auflage des “Sozialist” bewegte sich um 4000, der “Sozialistische Bund” blieb fast ohne Einfluß auf die anwachsende Arbeiterbewegung; dasselbe gilt für den 1911 veröffentlichten “Aufruf zum Sozialismus” von Landauer, der Hedwig Lachmann gewidmet ist.

Auch von Hedwig wurden Beiträge im “Sozialist” abgedruckt, so z.B. das Gedicht “Lied der Mutter” und ein Abschnitt aus ihrer Wilde-Monographie.

Dann kam der Erste Weltkrieg. Im Gegensatz zu vielen seiner Freunde ließ sich Landauer nicht vom Wirbel der Kriegsbegeisterung mitreißen. Selbst Dehmel zog mit 51 Jahren noch in den Krieg! Hedwig Lachmann war bitter enttäuscht von ihm. Sie war einer der wenigen Menschen, die Landauer, der nun noch mehr vereinsamte, verstanden und ihm Halt gaben. An Fritz Mauthner schrieb Landauer drei Monate nach Kriegsausbruch, daß er mit seiner Frau “auch jetzt kaum zu sprechen brauche, da wir so eins sind, wie es Menschen sein können”.

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Hedwig Lachmann, die schon während des Balkankrieges ein Gedicht gegen die Grauen des Krieges verfaßt hatte, ließ im Dezember 1914 im “Sozialist” ein Gedicht erscheinen, das sich gegen das staatlich verordnete Morden wandte und in dem es heißt:

    Vergeudet, wie ein allzufeiles Gut,
    Verwest die Frucht der Mütter auf den Fluren.

Sie handelte sich damit erneut die Mißgunst von Freunden ein.

Wenig später mußte der “Sozialist” eingestellt werden; so konnte ihr Gedicht “Mit den Besiegten”, das sie 1915 in Krumbach verfaßt hatte, nicht mehr darin abgedruckt werden. Es erschien im August 1917 in Martin Bubers Zeitschrift “Der Jude”. Landauer wirkte bei der endgültigen Fassung der Verse mit. Er war von dem Gedicht begeistert: “Ich danke Dir Hedwig, Du jüdische Tochter und meine teure Frau.”

    Mit den Besiegten

    Preist Ihr den Heldenlauf der Sieger, schmückt
    Sie mit dem Ruhmeskranz, Euch dran zu weiden

    Ich will indessen, in den Staub gebückt,
    Erniedrigung mit den Besiegten leiden.

    Geringstes Volk! verpönt, geschmäht, verheert
    Und bis zur Knechtschaft in die Knie gezwungen

    Du bist vor jedem stolzeren mir wert,
    Als wär' mit dir ich einem Stamm entsprungen!

    Heiß brennt mich Scham, wenn das Triumphgebraus
    Dem Feinde Fall und Untergang verkündet,
    Wenn über der Zerstörung tost Applaus
    Und wilder noch die Machtgier sich entzündet.

    Weit lieber doch besiegt sein, als verführt
    Von eitlem Glanz
    und wenn auch am Verschmachten,
    Und ob man gleich den Fuß im Nacken spürt

    Den Sieger und das Siegerglück verachten!

Landauer arbeitete im pazifistischen Bund “Neues Vaterland” mit. Als derlei Betätigungen verboten wurden, gehörte er, zusammen mit Hedwig Lachmann, zu den 170 Unterzeichnern eines Aufrufes zur Bildung einer “Zentralstelle für Völkerrecht”.

Im Februar 1917 verstarb Hedwig Lachmanns Mutter. Nun stand die Wohnung in Krumbach leer. Im Mai zog die Familie Landauer dort ein. Zunächst bestand nur die Absicht, einen Sommer dort zu verbringen. Doch dann blieben sie, nicht nur der besseren Nahrungsmittelversorgung wegen, sondern “um in dieser abnormen Zeit natürlich und gedeihlich leben und arbeiten zu können”.

Im letzten Kriegswinter erkrankte Hedwig Lachmann an der Spanischen Grippe, die in diesem Winter in ganz Deutschland und Europa wütete und viele Opfer unter der vom Krieg geschwächten Bevölkerung forderte. Sie starb am 21. Februar 1918 im Beisein ihres Mannes. In aller Stille wurde sie auf dem jüdischen Friedhof von Krumbach beigesetzt. Auf ihrem Grab befindet sich ein mit Efeu überwachsener Tuffstein von urweltlichem Charakter, in den eine schwarze Steinplatte eingelassen ist, auf der, neben ihrem Namen, ihre eigenen Worte stehen der letzte Vers des Gedichtes, das sie nach dem Tode ihres Vaters schrieb:

    O Geist, dahingegeben
    Der dunkelsten Gewalt

    Wie sehnst du dich ins Leben,
    Zurück in die Gestalt!

Hedwig Lachmann war von kleiner, zierlicher Gestalt, hatte eine zarte Stimme, grau-blaue Augen und schon in jungen Jahren graue Haare.

“Ihr Wesen war Mitverständnis. Nicht Nachgiebigkeit.” – “Sie hatte, wenn sie nicht schwieg, etwas zu sagen, was kein anderer (...) so sagen konnte.” (Fritz Mauthner)

Das im Schweigen erfahrbare entzieht sich der menschlichen Rede. Darum geht es auch in Mauthners Sprachkritik, die Landauer so schätzte. Die Transzendenz im Unsagbaren erahnte der Symbolismus und Hofmannsthal formulierte:

    Wüßte ich genau, wie dies Blatt aus seinem Zweige herauskam,
    schwieg ich auf ewige Zeit, denn ich wüßte genug.

Im selben Sinne heißt es bei Landauer in “Skepsis und Mystik”: “Die Welt ist ohne Sprache. ‚Sprachlos würde auch, wer sie verstünde.‘”

Hedwig Lachmanns dichterisches Werk entstand aus dieser schöpferischen Macht des Schweigens:

“Man merkt ihren Gedichten an, daß ihrer endlichen Formgebung ein langer, heißer Kampf vorangegangen ist. Die Worte kommen weit her, aus einer Menschenseele, und tragen einen heimlichen Glanz an den Stirnen. Sie verhüllen mehr, als sie sagen, und sie sagen mehr, als ihr Alltagssinn bedeutet. Hinter den Gedichten von Hedwig Lachmann fühlt man das große Schweigen, aus dem sie emporgetaucht sind.”

So urteilte ein zeitgenössischer Literaturkritiker. Und Ludwig Rubiner, Lektor des Kiepenheuer Verlages, nahm sechs ihrer Gedichte in seine Anthologie “Kameraden der Menschheit. Dichtungen zur Weltrevolution” auf, die 1919 erschien. Hedwig Lachmann ist die einzige Frau, die darin vertreten ist.

Julius Bab schrieb in einem Nachruf, “in dieser stillen Frau lebte die ganze Inbrunst der alten Propheten das zürnende Leid um Gerechtigkeit und Menschlichkeit, das einst den Geist des Jesaja waffnete. Diese stille Frau, diese zarte Künstlerin, diese ruhig ordnende Hausfrau und gütig lenkende Mutter war doch im Grunde ihrer Seele eine leidenschaftlich starke Kämpferin. Und deshalb die bestimmte Gefährtin eines der kühnsten Kämpfer, der leidenschaftlichsten Sucher unter den Geistern unsrer Zeit.”

Landauer blieb in Krumbach und lebte ganz im Gedächtnis an seine Frau. “Daß ich Hedwig Lachmann nicht bloß auf meine, sondern in ihrer Art gekannt habe, war mein Glück und wird nun mein Schicksal bleiben.” So schrieb er an Julius Bab. Seiner Tochter Gudula führte er die Mutter als Vorbild und Dichterin vor Augen:

“sie hat nie nach etwas gestrebt, was sie nicht war; sie war kein Dante und kein Goethe und kein Shakespeare; aber fast jedes ihrer Gedichte ist die Vollkommenheit; und diese vollendeten kleinen Schöpfungen werden leben, solange die deutsche Sprache lebt.”

Gustav Landauer sammelte die Gedichte seiner Frau und stellte sie zu einem Buch zusammen. Es erschien in einer Auflage von 2000 Exemplaren ebenfalls 1919 im Kiepenheuer Verlag in Potsdam. Sein Vorhaben, ihre Briefe als Buch herauszugeben, kam nicht mehr zur Ausführung.

Das Kriegsende brachte den Zusammenbruch des Kaiserreiches. Deutschland befand sich in Aufruhr, in einzelnen Städten kam es zur Bildung von Räten. Kurt Eisner, unabhängiger Sozialdemokrat und neuer bayerischer Ministerpräsident, rief im November 1918 Landauer nach München, um “an der Umbildung der Seelen” mitzuwirken. Landauer schlug die ihm angebotene Stelle als Dramaturg am Düsseldorfer Schauspielhaus aus und eilte zu ihm. Von keinem Menschen ließ er sich abhalten: “Es ist jetzt, um Hedwigs und um der Erneuerung der Menschheit willen, der Zeitpunkt, wo ich mich zu verbrauchen und nicht mehr zu schonen habe”. Ein andermal äußerte er, daß er sich seit dem Tod seiner Frau nur noch wie auf Urlaub auf der Erde fühlte.

In München sah er die Möglichkeit, im Sinne seiner anarchistischen Ideen zu wirken: “ich kann nicht zusehen, wie das Volk von der Reaktion auf der einen und vom Spartakusbunde auf der andern Seite zerrieben wird. Der Geist muß siegen!”

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Am 7. April seinem 49. Geburtstag wurde er Volksbeauftragter für Volksaufklärung (was in etwa dem Kultusminister entspricht) der ersten Räterepublik. Sie dauerte nur eine Woche. Landauer distanzierte sich von der zweiten, die unter kommunistischer Führung stand. Am 1. Mai, nach deren Ende, wurde er von Soldaten verhaftet und einen Tag später im Stadelheimer Gefängnis ermordet.

Sein 1925 fertiggestelltes Grabmal wurde 1933 auf Antrag eines NS-Stadtrates zerstört und die Urne der jüdischen Gemeinde in München übergeben. Heute hat Landauer ein Gemeinschaftsgrab mit Kurt Eisner auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München.

Nach Landauers Ermordung distanzierten sich Krumbachs orthodoxe Juden von ihm; es erschien folgende Zeitungsnotiz:

“Gläubige Juden wollen von Landauer nichts wissen! Zu unserer Nachricht, daß Gustav Landauers Schwiegervater Rabbiner in Krumbach war, wird uns von dort, von jüdischer Seite geschrieben: Ich möchte hierzu bemerken, Herr Landauer war Schwiegersohn eines vor zirka 20 Jahren verstorbenen Kultusbeamten, der aus Rußland stammte, derselbe hieß Zachmann [sic], war aber nie Rabbiner gewesen. Die Gemeinde Krumbach hätte auch diese Familie nie als Rabbiner bei sich geduldet, da die ganze Familie mit dem Judentum gebrochen hatte, gerade so wie Landauers, die allerdings geborene Juden sind, aber wie die Heiden leben. In Krumbach ist seit zirka 30 Jahren kein Rabbiner mehr tätig, die Familie Landauer hatte dort eine Wohnung inne, stand aber in keinerlei Beziehung zum Judentum oder zu irgendeinem jüdischen Beamten, sie besuchten weder eine Kirche, noch eine Synagoge.”

Auch wenn in diesem Zeitungsbericht tendenziöse Verfälschungen nicht unwahrscheinlich sind einem orthodoxen, gesetzestreuen, buchstabengläubigen Juden mußte sich das Leben der Familie Landauer so darstellen.

Landauers waren in ihrer Nachbarschaft als freireligiös bekannt. Sie besuchten keine Kirche und keine Synagoge, hielten sich nicht an jüdische Speiseregeln außer daß es zum Sabbat ein Sabbatbrot, den Berches, gab und Hedwig wird wohl nie ein Ritualbad aufgesucht haben. Zu Weihnachten stellten sie einen Tannenbaum auf und feierten das Fest mit den Bräuchen ihrer christlichen Umgebung; an Ostern spielten die Kinder mit “farbigen Eiern”. Brigitte saß in der Schule immer alleine da, wenn die anderen Religionsunterricht hatten und “ihre Gebete rezitierten”.

Die Bräuche, die Landauers feierten, waren solche, die auf einen heidnischen Ursprung zurückgehen und sich am Naturerlebnis des Jahreslaufs orientieren ganz wie einst in der Neuen Gemeinschaft der Gebrüder Hart. Unter dem Eindruck der Übersetzung der König-Arthus-Sage schrieb Landauer 1913 an Ludwig Berndl: “Meine Kinder und auch wir großen Kinder sind recht enttäuscht, daß Sie gar nichts von Hans dem Vogel, der Lilie, den Begonien, den Nelken, Kressen, Petunien und dem Mispelbäumchen schreiben! Wir sind Heiden und interessieren uns angelegentlichst für diese verzauberten Brüder und Schwestern!”

Hedwig Lachmann hatte in ihrer Jugend die jüdischen Feste mitgefeiert und ihren Vater in der Synagoge erlebt. In ihrem Gedicht “Bußtag” erinnerte sie sich daran:

    Ein Bild steigt auf aus meinen Jugendtagen.
    Im Gotteshause stehen Reih an Reihe
    Die Männer, Betgewänder umgeschlagen,
    Sich neigend nach geheimnisvollen Riten;
    Mein Vater unter ihnen singt mit Weihe
    Die Bußgebete der Israeliten.

Ihr Leben lang fühlte sie sich als Jüdin und maß doch den zahllosen Gesetzen und Lebensregeln der jüdischen Orthodoxie keine Bedeutung bei. Mit dem jüdischen Volk, dem in der Vergangenheit immer wieder vertriebenen, verfolgten, geknechteten, das immer eine Affinität zum Leiden hatte, fühlte sich Hedwig eins und nicht mit den toten Formen, mit denen es sich umgab. Aus dem Leiden ihrer jüdischen Seele erwuchs ihre Lyrik, und ihre Solidarität galt jenen “Heilanden der Barrikaden”, von denen Oscar Wilde in seinem Sonett “An die Freiheit” in ihrer Übersetzung spricht. An Dehmel schrieb sie einmal:

“Die Fülle der Poesie, die im jüdischen Volke verborgen ist, versteht kein Christ, aber sie mögen es alle glauben, in den Besten unseres Volkes, da lebt noch der Geist ihrer Offenbarung, die sind stark und gut und liebeskräftig, ehrfürchtig und selbstbewußt, erkennend und demütig.”

Zu diesen Besten gehörte auch Gustav Landauer. Er stand ganz in der jüdischen Tradition messianischer Erwartung, einer Tradition, die ins Christentum überfloß. Das Heil im ursprünglichen messianischen Sinn des Wortes wollte er der Menschheit bringen. Für ihn schrieb sie um 1910 ein Sonett, “Botschaft” betitelt, das auch ihre Einstellung zur Religion verdeutlicht:

    Du kannst das Heil nicht allen Menschen bringen;
    Doch werden Hunderte sich um dich scharen,
    Die willig sind zu dienen und willfahren
    Und stark in ihrem Glauben ans Gelingen.

    Nur um die wenigen gilt es zu ringen,
    Daß diese ihren Brüdern offenbaren,
    Was ihnen selbst im Innern widerfahren,
    Mit Gläubigkeit einander zu durchdringen.

    Millionen sind es, die vor Gott sich beugen,
    Doch nur ein Häuflein kündet den Gesandten,
    Der in ihr Reich zurückführt die Verbannten.

    So sollst auch du ins Volk die Botschaft tragen
    Von der Erneuerung in unsern Tagen

    Und da und dort wird einer für dich zeugen.


Literatur:

Hedwig Lachmann, Gesammelte Gedichte. Eigenes und Nachdichtungen, hg. v. Gustav Landauer, Potsdam 1919

Annegret Walz, “Ich will ja gar nicht auf der logischen Höhe meiner Zeit stehen”. Hedwig Lachmann. Eine Biographie, Flacht 1993

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