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Lilith und Priapus –
die Astrologie des Verdrängten

Kurzfassung eines Vortrags in der Theosophischen Informationsstelle Frankfurt a.M.
inzwischen Theosophie in Bewegung e.V. –
am 13. Januar 2001

Wie der Titel schon sagt, geht es in diesem Vortrag um Astrologie und um das psychologische Thema der Verdrängung oder der Wiederkehr des Verdrängten. Ich möchte zuerst kurz die allgemeinen Grundlagen der Astrologie streifen und dann über die sogenannte “Lilith” sprechen, die für den Astrologen mit Verdrängung zu tun hat.

Seit etwa 20 Jahren beschäftige ich mich mit Astrologie. Vor fünf Jahren lernte ich Dieter Koch kennen, Programmierer und Autor etlicher Artikel in astrologischen Fachzeitschriften. Er hatte neue, verbesserte Ephemeriden (Tabellen der Himmelspositionen) eines astrologischen Faktors namens “Lilith” entwickelt, die mich interessierten. (Worin diese Verbesserung mathematisch besteht, kann man in dem Buch nachlesen, das wir inzwischen über Lilith veröffentlicht haben.) Ich wollte herausfinden, ob diese neuen Ephemeriden wirklich stimmiger sind als die bisher von Astrologen verwendeten sogenannten “mittleren” Ephemeriden. Irgendwie hatte ich einen intuitiven Zugang zu dieser dunklen babylonischen Göttin Lilith, und je mehr ich mich damit befaßte, umso klarer formte sich in mir ein psychologisches Verständnis dafür. Hierbei hat mein theosophischer Hintergrund eine wichtige Rolle gespielt. Jedenfalls untersuchte ich die Lilith in den Horoskopen von Menschen, in deren Psyche bzw. Lebenslauf diese spezifische Qualität namens “Lilith” hervortrat.

Es gibt übrigens eine Art Gegenpol zu Lilith, von den Astrologen Priapus genannt nach dem arkadischen Fruchtbarkeitsgott. Dieser Faktor nimmt in Kochs Ephemeriden Positionen ein, die sehr stark – viel stärker noch als bei Lilith – von den Positionen in bisherigen Ephemeriden abweichen. Auch für diesen Faktor entwickelte ich ein intuitives Verständnis und es zeigte sich im Zuge meiner Forschungen, daß auch die neuen Priapus-Ephemeriden in sehr vielen Horoskopen zu verblüffend stimmigen Deutungen führte.

Ende 1999 hatte ich einen längeren Text vollendet, in dem die Ergebnisse meiner Forschungen dargelegt waren, und diesen Text sowie die Ephemeriden Dieter Kochs reichten wir beim Astrologischen Forschungswettbewerb ein, der anläßlich des Weltkongresses Astrologie 2000 in Luzern ausgeschrieben worden war. Die Jury zeichnete unsere Arbeit mit dem 1. Preis aus, der uns während des Kongresses im Juni vorigen Jahres verliehen wurde.

Die Lilith ist kein Planet. In einem Horoskop werden für gewöhnlich Sonne, Mond und Planeten eingezeichnet sowie Aszendent, Häuser und Tierkreiszeichen. Die Astrologie geht davon aus, daß die Konstellationen der Gestirne am Himmel im Moment der Geburt exakt das Karma und die Talente des Geborenen symbolisieren, gemäß dem alten hermetischen Grundsatz “Wie oben – so unten”. Wer das nicht glauben kann, sollte Astrologie am besten gleich vergessen. Jeder Astrologe arbeitet mit demselben (recht komplexen) Symbolsystem, das astronomische Faktoren und psychologische Faktoren sinnreich miteinander verknüpft. Dabei herrscht über die symbolisch-psychologische Bedeutung der gängigsten Faktoren wie Sonne, Jupiter usw. unter allen Astrologen Einmütigkeit. Lediglich die Tiefe, mit der diese Symbole psychologisch erfaßt werden, differiert: So wie man eben von einer Sache ein eher oberflächliches Verständnis haben kann oder ein tiefergehendes. Von dem hohen Niveau der heutigen Astrologie zeugt, daß sehr viele praktizierende Astrologen ausgebildete Diplompsychologen und Therapeuten sind, also ein Hochschulstudium oder eine medizinische Ausbildung hinter sich haben. Auch Ingenieure, promovierte Chemiker und Richter sind mir als Astrologen bekannt.

Um nun auf Lilith zurückzukommen: Die Elemente der Astrologie sind reale Himmelskörper oder rein mathematische Faktoren wie z.B. die zwölf Häuser. Und es gibt in der klassischen Astrologie bereits einen Punkt, der sozusagen “virtuell” ist und sich dennoch als psychologisch wirksam erwiesen hat, durch jahrzehntelange Erfahrung hindurch: der nördliche Mondknoten oder Drachenkopf. Das ist der errechnete Punkt, wo der Mond, wenn er dort stände, von der südlichen Hemisphäre in die nördliche aufsteigen würde. Man kann diesen Punkt errechnen, auch wenn der Mond grad ganz woanders steht; nur bei einer Konjunktion von Mondknoten und Mond steht er tatsächlich dort. Der Gegenpol dazu ist der südliche Mondknoten oder Drachenschwanz, also jener Punkt auf der Ekliptik, wo die Mondbahn sich südwärts wendet. In jedem guten Astrologie-Einstiegsbuch ist das anschaulich erklärt.

Lilith nun ist ein Faktor ähnlich wie die Mondknoten. Lilith ist der Punkt, an dem der Mond stände, wenn er sich gerade an seinem erdfernsten Punkt befände; Priapus entsprechend der Punkt der größten Erdnähe. Lassen Sie sich von diesen Konjunktiv-Formulierungen nicht verwirren! Ein Horoskop ist keine 1-zu-1-Umsetzung des physikalischen Universums, sondern es spielen in der Astrologie außer den materiellen Planeten immer auch rein mentale mathematische Strukturen eine Rolle. Z.B. ist die Unterteilung des Jahreslaufs der Sonne in 12 exakt gleich große Sektoren eine rein mathematische Unterteilung, und trotzdem hat sich dies als sinnvoll erwiesen: Das sind nämlich die zwölf Tierkreiszeichen, die mit den (unterschiedlich großen) Sternbildern nicht verwechselt werden dürfen. – Um es hier nur anzudeuten: Astrologische Einflüsse sind niemals kausal, sondern immer synchronistisch – d.h. es wirken über Bild, Zahl und Wort die verschiedenen Wirklichkeitsebenen sinnreich aufeinander ein; es “wirkt” also nicht der physikalische Jupiter, sondern dessen geistiges Urbild, jedoch unter Bedingungen, die der physikalische Jupiter mit seinen Bahndaten exakt beschreibt – und genau das ist die Existenzberechtigung der Astrologie. Die Ablehnung der Astrologie durch das positivistische Wissenschaftsdenken hat m.E. darin seinen Kerngrund, daß Astrologie zwangsläufig ein spirituelles Weltverständnis impliziert, also für säkularisiertes Denken prinzipiell inkompatibel ist. Denselben “Bann” trifft die Parapsychologie. Daran wird sich, kann sich nichts ändern, solange die Menschheit den Gott “ratio” anbetet (ein im übrigen ziemlich bestechlicher Gott).

Für Lilith und Priapus gibt es, wie erwähnt, verschiedene Berechnungsverfahren, und die bisherigen Ephemeriden haben hier fehlerhafte Positionen geliefert. Infolgedessen stand die bisherige Literatur zu Lilith stets auf “wackligen Beinen” und es war bei den Horoskopbeispielen bisheriger Lilith-Forscher immer eine gewisse “Unschärfe” in der Deutung zu spüren: Manches war schlüssig, anderes nicht und man wußte nicht recht warum. Viele Astrologen lehnten einen Faktor Lilith ganz ab.

Wie ich sagte, hatte ich einen guten intuitiven Zugang zu Lilith und dies ermöglichte es mir – parallel zu meinen Forschungen mit Horoskop-Datenbanken –, einen vertieften psychologischen Ansatz zum Verständnis der Lilith (und des Priapus) zu entwickeln. Ich studierte, was über die Mythologie der Lilith bekannt ist, und verband diese Erzählungen mit kabbalistischen und theosophischen Ansätzen – sowie natürlich mit Astrologie. Das möchte ich nun ausführen und ich denke, der “Fall Lilith” ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich “dunkle Gebiete in der Mythologie” und “weiße Flecken auf der Landkarte der Astrologie” aufhellen lassen bzw. mit Sinn füllen, wenn die Theosophie mit ihrem Menschenbild hinzutritt.

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Zeichnung Leonardo da Vinci

Lilith war im alten hebräischen und babylonischen Volksglauben ein weiblicher Dämon mit Klauenfüßen, begleitet von Lamien, vampirischen Wesen, die Alpdrücken verursachen, Blut saugen und gegen die vor allem das Neugeborene geschützt werden mußte, etwa durch Amulettzauber. Der Jungsche Psychologe und Kabbala-Forscher Siegmund Hurwitz hat in seinem fundamentalen Buch “Lilith – Die erste Eva. Eine Studie über dunkle Aspekte des Weiblichen” zwei Seiten der Lilith herausgearbeitet: Einmal die “kalte Saugerin” Lilith-Lamaschtu, auf der anderen Seite die Wollustteufelin Lilith-Ischtar, die die Menschen im Traum mit heißen Begierden belästigt und versucht. (Er erwähnt in seinem Buch auch entsprechende Beispiele aus seiner therapeutischen Praxis.) Psychologisch ist in solchen Obsessionen natürlich die Wiederkehr des Verdrängten zu sehen. Einmal die Wiederkehr verdrängter ichbezogener Wunschgedanken (niederes Manas, Kama-Manas) – das ist die Lamaschtu-Lilith –, und andererseits die Wiederkehr verdrängter Begierden (Kama) – das ist die Ischtar-Lilith.

Bei der zweiten, der “heißen” Lilith lassen sich natürlich aus dem Bereich der griechischen Mythologie die Gestalten der Nymphen und des bocksfüßigen Pan assoziieren, oder noch deutlicher die des Priapos. Damit dürfte klar sein, wie sich mir die Synthese von Mythologie, Tiefenpsychologie und Astrologie nun darstellte: Die babylonische “kalte” Dämonin Lilith-Lamaschtu entspricht dem astrologischen Faktor Lilith bzw. dem Punkt der Mondferne; die andere Seite der mythologischen Lilith, die wollüstige Ischtar, entspricht dem astrologischen Faktor Priapus bzw. dem Punkt der Mondnähe. Die astrologisch-psychologische Bedeutung des Priapus ist: Dieser Faktor symbolisiert die ins Unterbewußtsein verdrängten Begierden. Und Lilith symbolisiert – aber das wird noch genauer gefaßt werden – die ins Unterbewußtsein (in die Mond-Sphäre) verdrängten, abgesunkenen und abgespaltenen ichbezogenen Wunschgedanken. Theosophisch steht Priapus für abgespaltenen Kama, Lilith für abgespaltenes Kama-Manas. Diese These (denn das war es ja vorerst noch) anhand astrologischer Beispiele zu verifizieren, war der Hauptteil meiner Arbeit mit Horoskop-Datenbanken.

Der Begriff “abgespalten” ist wichtig! Denn zunächst einmal wird Kama, die Triebnatur, astrologisch durch Mars symbolisiert, nicht durch Priapus. Spontane Aggressionen und erotische Regungen werden energetisch durch Mars gespeist. Jedoch ist die Gewalttätigkeit und Sexualität des Priapus von anderer Art. Und niederes Manas wird zuersteinmal durch den Mond astrologisch repräsentiert, nicht durch Lilith. Erst wenn Gedanken von der Persönlichkeit abgespalten sind und ein gewisses Eigenleben führen, wechselt die Symbolik von Mond zu Lilith.

In diesem Zusammenhang griff ich in meiner Arbeit auch auf die kabbalistische Lehre von den sogenannten “Kelippoth” zurück. Der kabbalistische Lebensbaum stellt die Emanation des Universums und der menschlichen Seelen dar: Aus dem absoluten Urgrund “En Soph” emanieren (stülpen sich aus) die bekannten sieben Ebenen, beginnend mit der höchsten, der logoischen, nach meiner Lesart durch die Sephirah “Kether” symbolisiert. Danach emaniert die göttliche Urkraft immer weiter, bis hinunter zur letzten, der physischen Ebene und dem physischen Leib, durch die Sephirah “Malkuth” repräsentiert.

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Was Sie in Abbildungen des kabbalistischen Lebensbaumes normalerweise nicht finden, sind die sogenannten “Schalen”, die die Kabbalisten “Kelippoth” nennen. Dort sind die beim Emanieren “übergequollenen”, nicht in die Sephiroth integrierten Energien gefangen. Dort führen sie ein Eigenleben, konkret psychologisch: Dort “warten” die abgespaltenen, nicht erfüllten Mentalformen und Astralformen – wir Theosophen nennen das Elementale –, die frustrierten Wünsche und ungelebten Begierden. Warten worauf? Die Kabbalisten sagen – genauso wie die Psychologen –, das müsse alles irgendwann einmal wieder ins normale, bewußte Leben der Persönlichkeit integriert werden. Die vollendete Schöpfung kenne keine “Schalen” mehr.

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Abbildung aus dem Buch von Dieter Koch und Bernhard Rindgen

Bevor ich abschließend einige astrologische Beispiele bringe, sind noch zwei Punkte herauszustellen.

Erstens: Wie oder wann geschieht es, daß Wunschgedanken und Begierden von der natürlichen Persönlichkeit abgespalten werden? Dies geschieht beim Sterben. Im Tod wird bekanntlich “die Ernte eingefahren”; der Tod ist auch “Richter”: Die Lebensäußerungen der Persönlichkeit werden bei der nachtodlichen Begegnung mit dem Licht der unsterblichen Seele einer Gewissensbetrachtung unterzogen; damit korrespondiert der “Lebensfilm”, der abläuft. Die theosophisch orientierte Okkultistin Dion Fortune betont, daß dieser Läuterungsprozeß – wie das karmische Gesetz überhaupt – nichts mit menschlichen religiösen Vorstellungen von einem “strafenden Gott” zu tun hat: “Eines sollten wir nicht vergessen: Das Läuterungsfeuer straft nicht, es verzeiht nicht, es heilt. Das Ausbrennen durch Feuer säubert die Wunden, die uns das Leben geschlagen hat. Nach dem ätzenden Schmerz verheilen die Wunden glatt. Der Gang zum Läuterungsfeuer gleicht einem Besuch beim Zahnarzt: Es wird zwar mehr oder minder wehtun, doch wir können es ertragen. Danach wird es uns besser gehen. Vor allem aber dürfen wir eines nicht vergessen: Wir sind in guten Händen.”

Es werden beim Tod nicht unbedingt alle Persönlichkeitselemente dem Läuterungsfeuer unterzogen. Nochmals Dion Fortune: “Das bedeutet nicht, daß die Unreinheiten einer Evolution im Läuterungsfeuer eines einzigen Todes weggebrannt werden können. Wenige Seelen sind schon so rein und stark, daß sie eine solche Behandlung aushalten könnten. Deshalb wird uns bei einem Durchgang durchs Läuterungsfeuer nur gezeigt, was wir ertragen und verarbeiten können.” So manche ungelebten Triebe und Emotionen, unerfüllten Wünsche und Träume des niederen Ichs können unter Umständen nicht, noch nicht geläutert, d.h. in den Reichtum des Herzens aufgenommen werden. Was geschieht mit diesen?

Diese “versinken in die Schalen”. Dort “warten” sie darauf, daß die reinkarnierte Seele sie einmal wieder “annimmt” und zur Erfüllung ihres Begehrens bringt. Diese alten “Hüllen” werden bei jeder Wiedergeburt wieder mehr oder weniger präsent; jeder Mensch hat hier sein unerlöstes Erbe. Sie bleiben, wie es Blavatsky formuliert hat, “als karmische Wirkungen, als Keime in der Atmosphäre der irdischen Ebene hängen, bereit, wieder in das Leben zu treten, um sich als rachsüchtige Feinde an die neue Persönlichkeit des Egos zu heften, wenn dieses wiedergeboren wird.”

Auf dem spirituellen Weg werden diese abgelegten Wünsche und Gedanken wieder assimiliert, verarbeitet und entweder in ein liebevolles Leben überführt oder, wo dies nicht möglich ist, zerstört.

Der zweite Punkt, der noch festzustellen ist: Es ist für magisch begabte Personen – leider – möglich, mit den in den Kelippoth “wartenden” Elementalen tatsächlich schwarze Magie zu treiben. Im Grunde geschieht das sogar täglich von den “mausgrauen Magiern” der Politik: Wir erfahren es immer wieder aus den Nachrichten, wie z.B. abgespaltene Ängste, unerfüllte Wünsche und nicht aufgearbeitete Haßgefühle von fanatischen Politikern dazu benutzt werden, Menschenmassen aufzuhetzen und sie zu Greueltaten hinzureißen. Denken wir nur an unser Land vor 60 Jahren und verbinden das dann mit einer Äußerung Helena Petrowna Blavatskys aus dem vorigen Jahrhundert: “Ja, mein Herr! Hexengeschichten in dieser aufgeklärten Zeit! Und merken Sie sich meine Worte! Sie werden Hexengeschichten bekommen, von denen das Mittelalter nicht einmal träumte. Ganze Nationen werden unmerklich in schwarze Magie hineintreiben...” – Es hat mich so nicht verwundert, in den Horoskopen fast aller berühmten Nazis äußerst kritisch zu bewertende, sehr starke Apektfiguren von Priapus und Lilith aufzufinden.

Es ist eine Unterlassungssünde, wenn keine Beschäftigung mit dem Verdrängten stattfindet: Es kehrt dann nur umso ungezügelter wieder. Die Astrologie von Lilith und Priapus kann – davon sind Dieter Koch und ich überzeugt – helfen, uns unserer abgespaltenen Wünsche und Begehren bewußt zu werden. Die Astrologie kann durch Betrachtung der Aspekte von Lilith und Priapus im Horoskop – also ihrer Verknüpfung mit anderen Elementen der Psyche – dazu beitragen, daß es eher gelingt, diese abgespaltenen (und durch die Spaltung auch deformierten) Energien zuerstmal zu erkennen und dann in die Persönlichkeit wieder zu integrieren. Inwieweit diese Energien im Zuge dieses Integrationsprozesses verändert werden müssen, das ist eine ethische und keine astrologische Frage.

Nun einige astrologische Beispiele, die den Facettenreichtum der Lilith und des Priapus aufzeigen, denn natürlich wirken diese astrologischen Faktoren nicht immer auf die gleiche Weise. Wie sie wirken, hängt vor allem von ihren Aspekten zu anderen Horoskopfaktoren ab, und natürlich von der ethischen Ausrichtung des Individuums: Verbrechen und Heilbegabung sind oft zwei Seiten derselben Münze! Das ist auch bei anderen astrologischen Faktoren so: Mars z.B. kann blinde Gewalt bedeuten, aber auch natürliche Kraft; Saturn kann Erstarrung bedeuten, aber auch Konzentration. Lilith ist also nicht “böse”, es kommt darauf an, was der jeweilige Mensch aus ihr macht.

Ich betrachtete in meiner Arbeit als erste Facette die Beziehung der Lilith zum Thema Fehlgeburten. Das liegt auch von ihrer Mythologie her nahe, denn sie galt im alten Babylonien als “Kindsmörderin”. Und tatsächlich fand ich in den Horoskopen von Frauen, die Fehlgeburten erlitten hatten – z.B. Jaqueline Kennedy –, immer wieder eine Lilith, die kritische Spannungsaspekte bildete zum Mond und zur Juno, der Göttin der Schwangerschaft; Spannungsaspekte, die just zum Ereignis durch einen Transit “ausgelöst” wurden, wie der Astrologe sagt. Warum ist das so? In der lilithischen “Schale” sammeln sich offenbar Elementale an, die in einem problematischen Umgang der Frau mit Schwangerschaft und Geburt in früheren Leben ihren karmischen Ursprung haben. Nun kehren diese Elementale wieder und bringen kritische Energiekonstellationen mit. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Eine andere Facette von Lilith ist die, daß Frauen mit einer starkgestellten Lilith oft den Typ der unangepaßten rebellischen Frau darstellen. Die Astrologin Livaldi-Laun erzählt das Beispiel einer Sizilianerin, die sich gegen einen widerwärtigen alten “Brauch” zur Wehr setzte, nach dem ein Mann ein Mädchen einfach nur zu entführen und zu vergewaltigen braucht und schon muß es ihn heiraten. Diese Frau nun tat etwas, was zuvor noch keine Frau in Sizilien gewagt hatte: Sie erstattete Anzeige gegen den Vergewaltiger, was in Sizilien einen Skandal entfachte. Sie wurde auf der Straße (selbst von Frauen) beschimpft und sogar von ihren Familienangehörigen gemieden. Diese Frau nun hat ganz starke Lilith-Aspekte, die dem Astrologen verraten, warum sie sich gegen das patriarchalische Gesetz auflehnen “mußte”. Die meisten Sizilianer – und auch Sizilianerinnen – aber haben eine so selbstbewußte Frau dämonisiert, so wie dies in der Mythologie mit Lilith geschieht.

Man kann hieran sehen, daß es tatsächlich falsch ist, die Lilith nur negativ zu sehen. Lilith steht ja für unerfüllte Wunschgedanken – aber wieso sollten derartigen Gedanken nicht auch einmal “im Recht sein”? Hat der Wunsch dieser Sizilianerin, in der verknöchert-patriarchalischen sizilianischen Gesellschaft als unabhängige Frau respektiert zu werden, nicht das Recht, “erfüllt” zu werden? Und wenn er es nicht wird – wenn er es nicht wurde in früheren Inkarnationen –, dann kehrt er immer wieder und fordert sein Recht ein. Lilith ist insofern auch eine Befreiungsgöttin und nicht zufällig genießt sie in feministisch-spirituellen Kreisen deshalb ein hohes “Ansehen”.

Ähnlich ambivalent ist übrigens Priapus zu betrachten. Wer will heute noch abstreiten, daß vielleicht nicht mehr die heutige Gesellschaft, aber auf jeden Fall die Gesellschaften früherer Zeiten die Sexualität – insofern es sich dabei um eine natürliche Lebensäußerung von Kama handelt – über jedes vernünftige Maß hinaus unterdrückt haben? Unzählige Neurosen hatten und haben darin ihre Ursache. Man weiß, daß das Kirchenchristentum daran nicht unschuldig ist. Was also blieb den Begierden-Elementalen “anderes übrig”, als sich unter dem Druck der beklemmenden sozialen Verhältnisse zu verbiegen und sich schließlich “in den Kelippoth zu verkriechen”? Wenn sie nun wiederzukehren versuchen ins Leben der Persönlichkeit, so ist das Tor, durch das sie eintreten, astrologisch ganz klar Priapus. Ich stellte fest, daß Aspektverbindungen des Priapus mit den Planeten Venus und Jupiter häufig dazu führen, daß ein leicht jenseits der Norm liegender “lockerer”, jedoch nicht antisozialer (oder gar gewalttätiger) Umgang mit Sexualität gelebt wird. So fand ich diese Aspektverknüpfung überzufällig häufig etwa bei Nudisten, Aktkünstlern und Sexualreformern.

Allerdings wird die Reintegration abgespaltenen Kamas sehr erschwert, sobald sich sexuelle Energie mit aggressiver vermischt, was astrologisch durch Aspekte des Priapus mit Mars, Pluto und Saturn angezeigt wird. Doch auch hier gibt es eine positive Seite. So hat etwa der berühmte Psychoanalytiker Georg Groddeck, der in der Weimarer Republik eine sehr erfolgreiche Klinik in Baden-Baden führte, ebenso einen Spannungsaspekt zwischen Saturn und Priapus, wie ihn auch exzessive Gewalttäter haben. Groddeck hat hier, alchemistisch formuliert, das Pech in Gold verwandelt. Aber auch Satanisten und schwarze Magier wie z.B. Aleister Crowley haben genau diese Saturn-Priapus-Aspektbeziehung, und bei führenden Nazis fand ich sie ebenfalls. Es hängt eben immer vom ethischen Niveau der Seele ab, ob der Umgang mit Priapus-Elementalen heilsam oder unheilvoll ist.

Zum Abschluß noch eine Facette Liliths: Lilithische, abgespaltene Wunschgedanken sind auch die Phantasien der zahlreichen Channeling-Medien – vor allem in den USA –, die in Trance “Durchgaben” erhalten von angeblichen jenseitigen Meistern oder Engeln. Diese Phantasiewelten, in esoterischen Buchhandlungen auf unzähligen Regalmetern ausgebreitet, sind von der materiellen und der spirituellen Wirklichkeit abgespalten – die Anhänger solcher Medien werden hier natürlich anderer Meinung sein. Ich kann das auch nicht “beweisen”, sondern nur feststellen, daß mich solche Literatur unendlich langweilt und daß bei diesen Medien überall, wo ich das Horoskop untersuchen konnte, eine Lilith dominiert, die vorzugsweise mit Uranus und Neptun verbunden ist. Franz Hartmann hat in seiner großen Untersuchung über den mittelalterlichen Arzt und Okkultisten Paracelsus dargelegt, wie das funktioniert: “Nicht die erhabenen Geister verstorbener Menschen, sondern deren vernunftlose Überbleibsel erscheinen mitunter als Gespenster oder machen sich durch Klopfen, durch die Bewegung von Gegenständen, durch Geräusche und auf verschiedene andere Weise bemerkbar und suchen den Verkehr mit den Sterblichen. Eine gewisse Klasse von ‚Gespenstern‘ wird von Paracelsus als Phantasmata, Traumbilder oder Truggestalten bezeichnet. Sie sind von den Menschen selber geschaffen und deshalb auch von ihnen mit der Fähigkeit, logisch zu denken und Schlüsse zu ziehen, ausgestattet. Sie sind in der Tat die eigenen falschen ‚Iche‘ des Menschen, in denen sich die verschiedensten Gedanken und Empfindungen durchkreuzen und widerspiegeln, doch fehlt dabei die ordnende Vernunft.”

Hier läßt sich nun auch, abschließend, ein Bogen schlagen zur Astronomie der Lilith. Bei Lilith handelt es sich ja, wie zu Anfang erwähnt, nicht um einen realen Planetenkörper, sondern um einen mathematisch berechneten Punkt der Mondbahn – sozusagen um einen “virtuellen Faktor” im Horoskop. Diese “Virtualität” spiegelt m.E. sehr stimmig die “Irrealität” der abgespaltenen Wünsche und Begehren wider, ihre fehlende Verankerung im physischen Alltagsleben, ihr “Exil” in den “virtuellen Welten” der Kelippoth-“Schalen”. Erst wenn die “Schalen” gänzlich “geleert” sind, gibt es keine Illusion mehr.

Copyright Bernhard Rindgen

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